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Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung

"Wir bringen das Krankenhaus zu den Patienten nach Hause"

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Dr. med. Marianne Kloke bringt so schnell nichts aus der Fassung. In ihrer weichen Stimme liegt eine beachtliche Beruhigungskraft. Ihr Blick mag schon viel Leid gesehen haben und ist doch voller Güte. Sie sagt, sie werde beschenkt durch ihre Arbeit. Und das klingt aus ihrem Mund noch nicht mal kitschig. Es komme unheimlich viel zurück, sagt sie. Sie leistet Hilfe, wo es nötig ist, und die Patienten geben ihr das Gefühl, das Richtige zu tun. Manchmal, wenn ihr Patienten selbst das nicht mal mehr selbst sagen können, sieht sie es aber an ihren Gesichtern, die sich, eben noch vor Schmerz verzerrt, plötzlich entspannen. Dann wird die Atmung wieder ruhiger, der Glieder entkrampfen.

Zwei Notfall-Koffer, Schmerzmittel-Pumpe, mobiles Ultraschall

Karfreitag 2011, kurz nach 22 Uhr: Dr. med. Marianne Kloke fährt durch die Nacht, zwei Notfall-Koffer, eine Schmerzmittel-Pumpe, ein mobiles Ultraschall-Gerät. Die leitende Oberärztin vom Tumorzentrum Essen ist auf dem Weg zu einem Patienten. Er liegt zu Hause, alleine. Er weiß, dass er sterben wird; er will es zu Hause. Aber er ahnt auch, dass es jetzt noch nicht so weit ist. Man könnte sagen, er wartet auf den Tod. Menschen wie Dr. Kloke helfen ihm dabei, machen das Warten erträglich.

Modelleinrichtung der Deutschen Krebshilfe

Dr. Kloke ist im Netzwerk Palliativmedizin Essen (npe) engagiert, aber nein, das wäre zu wenig gesagt: Sie ist einer der treibenden Kräfte dieser Vereinigung, die sich in Essen um ca. 500 sterbenskranke Patienten kümmert. 1999 kam es zu der Idee, seit 2003 wird das Netzwerk durch die Krupp-Stiftung gefördert. Über 300 ehrenamtliche Mitarbeiter konnten gewonnen werden, rund 50 niedergelassene Ärzte in Essen haben sich palliativmedizinisch weiterbilden lassen. Seit 2011 ist das npe Vertragspartner der Kostenträger und der KV für die „Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung“ in Essen. Zum Zentrum für Palliativmedizin der Kliniken Essen-Mitte gehört - als Modelleinrichtung der Deutschen Krebshilfe - eine eigene Tagesklinik nur für Palliativpatienten.

Sogar Anfragen aus dem Ausland kommen

Das Netzwerk Palliativmedizin arbeitet eng mit Altenheimen, Apotheken, Rettungsdiensten und auch mit der Gesundheitskonferenz der Stadt Essen zusammen. Jüngst erst hat das Netzwerk den Palliativausweis für Essen herausgebracht: In ihm können Rettungskräfte, die zu einem Sterbenskranken gerufen werden, sofort den aktuellen Behandlungsstand und die Behandlungswünsche des Patienten ablesen. Ein Netzwerk wie das in Essen ist bundesweit einmalig, sogar Anfragen von Palliativ-Experten aus dem Ausland kommen.

"Ich habe den Tropf schon an Lampen und Kronleuchtern aufgehängt"

Viele Menschen wünschen sich, nicht in einem anonymen Krankenhaus, sondern daheim im Kreise ihrer Lieben zu sterben. Das stellt die Palliativmedizin, die Sterbenskranke auf der Zielgeraden ihres Lebens schmerzlindernd begleitet, vor eine große Herausforderung. Was sonst zentral auf Palliativstationen medizinisch möglich ist, muss immer öfter in die Fläche getragen werden. „Wir bringen das Krankenhaus quasi zu den Patienten nach Hause“, beschreibt Dr. Kloke das, was sich im offiziellen Sprachgebrauch „spezialisierte Ambulante Palliativversorgung“ (SAPV) nennt. Die Koffer, die Dr. Kloke zu jedem ihrer Einsätze schleppt, sind schwer und randvoll mit allem, was auch sonst in einem Krankenhaus in Griffweite wäre. Dr. Kloke habe schon mal überlegt, ob in den Koffer nicht auch ein Hammer und ein paar Nägel gehören – für Situationen nämlich, in denen mal wieder vor Ort in der Wohnung des Patienten eine Haltevorrichtung für den Tropf fehlt. „Ich habe den Tropf schon an Lampen und Kronleuchter aufgehängt, wenn alles nichts half“, sagt Dr. Kloke.

Vertrauensverhältnis ist meist schnell aufgebaut

Improvisieren sollte man können, wenn Palliativmediziner Hausbesuche machen – und dort Menschen in Extremsituationen antreffen. „Du kommst zu fremden Menschen, die Du anfangs nur schlecht einschätzen kannst, weil Du sie nicht kennst. Dann kommst Du zwei-, dreimal zu ihnen. Und es kann passieren, dass Du beim vierten Mal vielleicht schon den Totenschein ausstellst. Solche Betreuung gelingt dennoch, weil sich zumeist schnell ein Vertrauensverhältnis aufbauen lässt“, sagt Dr. Kloke.

Angehörige müssen die Betreuung unterstützen

Der Wunsch, zu Hause die letzten Lebenstage verbringen zu wollen, ist von unheimlich vielen Rahmenbedingungen abhängig. „Das geht eigentlich nur, wenn es die Angehörige gibt, die willens und in der Lage sind, diese zumeist Rund-um-die-Uhr-Betreuung mit zu tragen, und wenn der Patient damit einverstanden ist, auf den Komfort zu verzichten, den er im Krankenhaus hat: Wenn er im Krankenhaus schellt, ist die Schwester in wenigen Minuten da. Wenn er zu Hause liegt, dauert das natürlich länger als ein paar Minuten“, sagt Dr. Kloke. „Wir hatten deshalb auch schon Patienten, die wir wieder stationär aufnehmen mussten, weil es zu Hause gar nicht ging.“ Gleichwohl ist die Medizinerin aber davon überzeugt, dass zu Hause sehr viel mehr Palliativmedizin geht, vorausgesetzt, man bringe auch das Wissen dorthin.

Der Aufwand refinanziert sich nach zwei bis drei Jahren

Aber, und das sagt Dr. Kloke ganz ohne Scheu: „Palliativdienst funktioniert unter den derzeitigen Rahmenbedingungen nur, wenn sie Menschen haben, die sich ausbeuten.“ Die Arbeit verlange viel von Medizinern und Betreuungskräften. Deshalb sei ein hoher Professionalisierungsgrad wichtig. Eine Voraussetzung, die letztlich dazu führt, dass sich viele Einrichtungen diesem Essener Netzwerk vertraglich angeschlossen haben. „Wir haben extrem faire und gute Partner“, sagt Dr. Kloke und meinst damit zum Beispiel Krankenkassen wie die AOK, die vertraglich mit im Boot sind. Das Engagement des Netzwerkes rechnet sich nämlich durchaus. „Studien zeigen, dass sich der Aufwand für ein Ambulantes Betreuungssystem nach zwei bis drei Jahren gegenfinanziert, weil zum Beispiel ungeplante Notfalleinsätze oder Aufenthalte auf der Intensivstation vermieden werden können.“ In Kanada, sagt Kloke, habe man nach fünf Jahren schwarze Zahlen schreiben können.

"Es gibt kein schönes Sterben"

Palliativmedizin, betont Dr. Kloke ausdrücklich, habe übrigens nichts mit aktiver oder passiver Sterbehilfe zu tun. Diese lehnt die Medizinerin strikt ab. „Wenn man anfängt, als Arzt Leben zu beenden, entzieht man dem Arzt-Patienten-Verhältnis jegliche Grundlage. Was ich als Arzt tue, das tue ich als Arzt. Und als solcher habe ich Verantwortung und eine Berufsethik“, sagt sie. „Natürlich können wir das Leid dieser Welt nicht abschaffen. Und es gibt auch kein schönes Sterben, das ist eine Mär. Wir können uns aber dafür einsetzen, dass der Patient auch im Sterben entsprechend seiner unveräußerlichen Würde als Mensch behandelt wird.“

(Quelle: rheinruhrmed)

- 26.6.2011 -

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