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"Blinde können schon 4 bis 6 Millimeter kleine Knoten in der Brust ertasten" *

Hoffmann

Dr. med. Frank Hoffmann

niedergel. Gynäkologe aus Duisburg und Initiator des Projekts „discovering hands®“ (www.discovering-hands.de)

rheinruhrmed: Wie kamen Sie darauf, Blinde in die Vorsorgeuntersuchung für Brustkrebs als "Medizinische Tastuntersucherinnen" (MTU) einzubeziehen?

Dr. med. Hoffmann: Um es gleich vorweg zu sagen: Eigentlich ist das Abtasten der Brust ja mehr als üblich im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung. Dieses Abtasten ist das Basis-Diagnoseinstrument, das dem Gynäkologen zur Verfügung steht. Es ist halt nur bislang noch niemand auf die Idee gekommen, dafür den besonders guten Tastsinn von Blinden zu benutzen.

heinruhrmed: Dabei liegt das ja durchaus nahe.

Dr. med. Hoffmann: Stimmt, und als 2005 die Mammografie-Richtlinien bekannt wurden und danach festgeschrieben wurde, dass erst bei Frauen ab 50 eine präventive Mammografie durchgeführt werden darf, habe ich mich nicht mehr so recht wohlgefühlt mit dem, was ich im Rahmen meiner Sprechstunde an Tastuntersuchung leisten kann. Das Problem ist ja, dass nur bei einem auffälligen Tastbefund weitere apparative Maßnahmen erfolgen dürfen. Deshalb hatte ich die Idee, die Tastuntersuchung unter besseren Rahmenbedingungen anzubieten. Das bedeutet natürlich zunächst einmal: mehr Zeit, ein strukturiertes Untersuchungsvorgehen – und dann kam ich auf die Idee, dafür jemanden zu nehmen, der besonders gut tasten kann: einen blinden Menschen.

rheinruhrmed: Von der Idee bis zum Projekt ist es ja in der Regel ein langer Weg. Wie haben Sie Ihre Idee umgesetzt?

Dr. med. Hoffmann: Eigentlich hatte ich zunächst vor, dass nur in meiner eigenen Praxis umzusetzen. Dann aber hatte ich Kontakt mit der Agentur für Arbeit – und von da aus dauerte es nicht lange und ich saß im Berufsförderungswerk in Düren, einer der Internatsschulen für Blinde und Sehbehinderte. Da habe ich natürlich mit

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Thema Brustkrebs

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dieser Idee offene Türen eingelaufen. Wir haben relativ schnell ein Projekt skizziert und dann mit dem Landschaftsverband Rheinland einen Financier gefunden. Im Februar 2006 haben wir den Antrag gestellt, im Juli 2006 konnten wir starten. Dann ging das Ganze bis Mitte 2008.

rheinruhrmed: Das war also die erste Phase der Projektarbeit …

Dr. med. Hoffmann: Genau. Wir mussten zunächst herausfinden, ob man blinde Menschen in annehmbarer Zeit für diese doch recht komplexe Aufgabe qualifizieren kann. Das haben wir bereits im ersten Jahr schon belegen können, hier hatten wir zwei Frauen in unserem Pilotkurs. Im zweiten Jahr konnten wir dann schon einen regulären Fortbildungskurs mit vier Teilnehmerinnen in Echtzeit laufen lassen. Am 1. Mai 2009 hat nun der zweite Teil des Projekts „discovering hands®“ begonnen; dabei geht es um die Weitergabe der Erfahrungen aus Düren an andere Berufsförderungswerke, nämlich in Halle, Mainz und Nürnberg; in diesen vier Ausbildungszentren können dann insgesamt etwa 20 MTU pro Jahr ausgebildet werden.

rheinruhrmed: Muss die Patientin mit Mehrkosten rechnen? So eine Brustuntersuchung dauert ja schon mal gern 30 Minuten.

Dr. med. Hoffmann: Die Untersuchung durch die MTU ist im Regelfall eine Selbstzahlerleistung. Nur eine Kasse, die BKK Mobil Oil, übernimmt bisher für ihre Versicherten die Kosten in Höhe von 30,00 €. In einzelnen Fällen, je nach Brustgröße, kann die Untersuchung auch schon mal 50 Minuten und länger dauern. Die MTU untersucht aber immer zum gleichen Satz, egal, ob die Brust groß oder klein ist.

rheinruhrmed: Wie läuft eine Untersuchung ab?

Dr. med. Hoffmann: Die MTU benutzt spezielle Orientierungsstreifen, um sicher zu sein, die ganze Brust untersucht zu haben. Gleichzeitig dienen die Orientierungsstreifen der Kommunikation zwischen MTU und Arzt. Die Kommunikation läuft dann ähnlich wie beim Spiel „Schiffe versenken“, wo bestimmte Orte durch genaue Koordinaten angegeben werden. MTU und Arzt arbeiten ja immer im Team, weil ein approbierter Arzt diese Untersuchung verantworten muss. Die MTU erfüllt klar definiert eine ärztliche Hilfstätigkeit, sie ersetzt den Arzt nicht. Ihre Aufgabe besteht darin festzustellen, ob der Tastbefund auffällig ist oder nicht. Damit übergibt sie die Patientin sozusagen an den Arzt zurück, der das Ergebnis dann abschließend bewerten muss.

rheinruhrmed: Die Tastuntersuchung ist also keine Alternative zur Mammografie?

Dr. med. Hoffmann: Auf keinen Fall. Wir treten nicht an, um apparative Untersuchungen überflüssig zu machen. Es soll lediglich die Tastuntersuchung bestmöglich angeboten werden. Das entscheidende beim Brustkrebs ist ja, dass man ihn frühstmöglich findet. Je kleiner der Tumor bei der Erstdiagnose ist, desto unwahrscheinlicher hat er bereits metastasiert und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Heilung.

rheinruhrmed: Es gibt ja einen gewissen Anteil an Brustkrebsfällen, die erst durch die Röntgenstrahlen der Mammografie entstehen. Könnte die Tastuntersuchung durch Blinde da nicht mittelfristig ein Ersatz sein?

Dr. med. Hoffmann: Das Risiko der Entstehung von Brustkrebs durch korrekt angewandte Röntgendiagnostik halte ich für vernachlässigbar gering. Außerdem bin ich nicht der Guru der Tastuntersuchung, sondern gestandener Gynäkologe, der selbstverständlich auch apparative Untersuchungen einsetzt. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Kombination aller drei Verfahren die besten diagnostischen Voraussetzungen bieten: Mammografie, Tastuntersuchung, Ultraschall.

rheinruhrmed: Welcher konkrete Vorteil ergibt sich denn nun bei der Tastuntersuchung der MTU im Vergleich zu der eines Arztes?

Dr. med. Hoffmann: Üblicherweise finden Ärzte Knoten ab einem Durchmesser von etwa 10 Millimeter. Das sagen die Statistiken und das entspricht auch meiner persönlichen Erfahrung. MTU haben die Fähigkeit, sogar schon Knoten zwischen 4 und 6 Millimeter zu finden. Generell nehmen Blinde Tasteindrücke wahr, die bei mir offen gesagt bislang noch nicht angekommen waren, z.B. Unterschiede der Hauttemperatur. Ich habe da vorher nie drauf geachtet, für Blinde ist das durchaus selbstverständlich – auch ohne, dass diese Temperaturunterschiede von einem Entzündungsherd stammen.

rheinruhrmed: Bei wem setzen Sie die MTU ein?

Dr. med. Hoffmann: Wir bieten die Untersuchung allen Patienten an, die sie haben wollen. Es ist in meinen Augen für alle Frauen ab 30 sinnvoll, da ja hier auch die Krebsvorsorge-Richtlinien eine Abtastung der Brust vorschreiben. Auch Frauen, die bereits im Screening sind, welches ja ohne Abtasten vorgesehen ist, können sich von der MTU in Verbindung mit dem Röntgen untersuchen lassen, was die Sicherheit ja noch einmal erhöht.

rheinruhrmed: Wie reagieren die Patientinnen auf die MTU?

Dr. med. Hoffmann: Mal abgesehen davon, dass sie die höhere diagnostische Sicherheit geboten bekommen, ist auch die subjektive Wahrnehmung durchgehend positiv. Es gab bislang keine Frau, die die Untersuchung unangenehm oder belastend empfand. Das hängt auch damit zusammen, dass unsere MTUs in ihrer sechsmonatigen Ausbildung allein 200 Stunden Kommunikationstraining haben: Es werden Rollenspiele gemacht, sie lernen mit einem Vocal-Coach, wie sie ihre Stimmen optimal einsetzen usw. Dort werden sie auch auf schwierige Patientinnen vorbereitet: auf die ängstliche Patientin, auf die unruhige Patientin usw. Es wird zudem auch großen Wert darauf gelegt, dass in den Räumen, in denen die Untersuchung stattfindet, eine gewisse entspannende Atmosphäre herrscht.

rheinruhrmed: Woran erkenne ich denn als Patientin, welcher Gynäkologe eine MTU bereit hält?

Dr. med. Hoffmann: Ob die Praxis eine MTU beschäftigt erkennen Sie daran, dass diese Praxis auf der Webseite von „discovering hands®“ (www.discovering-hands.de) aufgeführt wird. Wenn sich Praxisinhaber übrigens konkret um die Einstellung einer MTU bewerben wollen, stehe ich gerne jederzeit für ein Gespräch zur Verfügung.

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Selbsthilfe bei Brustkrebs: www.wiralle.de

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