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"Bei einem Dekubitus hilft nur konsequente Druckentlastung" *

Hoffmann

Dr. med. Alena Wesemann

Chirurgin am Bergmannsheil, Bochum


rheinruhrmed: Bevor wir darüber reden, was sich gegen Dekubitus/Druckgeschwüre tun lässt, sollten wir kurz einmal klären, wie häufig es in Deutschland vorkommt, dass sich Menschen wund liegen.

Dr. med. Wesemann: Es ist ein tagtägliches Problem. Im Schnitt leiden je nach Studie 20 bis 30 Prozent aller Bewohner eines Alten- und Pflegeheims an einem Druckgeschwür, wobei man sagen muss, dass die Dunkelziffer recht hoch ist. Aber als weitestgehend sicher gilt, dass in Krankenhäusern 1 von 10 Patienten, in der ambulanten Krankenpflege 2 von 10 Patienten und in Altenheimen 3 von 10 Patienten einen Dekubitus haben.

rheinruhrmed: Die Dunkelziffer dürfte gerade in Alten- und Pflegeheimen doch aber sicherlich noch etwas größer sein, da sie sich ja einem zunehmenden Wettbewerb ausgesetzt sehen und sich in diesem Zusammenhang Druckgeschwüre bei Bewohnern nicht gut in der Außendarstellung eines Hauses machen.

Dr. med. Wesemann: Das ist richtig. Aber man muss natürlich auch sagen, dass Geschwür nicht gleich Geschwür ist; wir unterscheiden vier Schweregrade der Druckgeschwüre. Und es ist absehbar, dass die Häufigkeit von Druckgeschwüren insgesamt eher zunehmen wird. Die Bevölkerung in Deutschland wird immer älter, und immer mehr Leute sind auf Pflegeheime angewiesen. Die aber haben meist wenig Personal bzw. zu wenig Personal, das sich mit Dekubitus auskennt. Wenn Pflegekräfte von einer Zeitarbeitsfirma morgens in ein Heim kommen und mal eben schnell in der Übergabe gesagt bekommen, was sie wie zu tun haben, dann bleibt da oft kaum Zeit für den Einzelfall. Die Prävention, also die Vorsorge, einen Dekubitus zu verhindern, ist unter diesen Bedingungen natürlich schwierig.

rheinruhrmed: Aber die zunehmende Überalterung der Bevölkerung lässt doch überall Firmen aus dem Boden schießen, die medizinische Lösungen anbieten. Da dürfte doch die Vorsorge oder auch das Versorgen von Druckgeschwüren nicht so schwer sein.

Dr. med. Wesemann: Sicher, es gibt zahlreiche Anbieter für Dekubitus-Materialien, darunter aber eben auch vieles, das eine eher zweifelhafte Wirkung hat, viele Cremes, Salben und Wässerchen. Nicht selten wird da viel therapiert, ohne das es wirklich hilft.

rheinruhrmed: Woran erkenne ich denn als Laie, was tatsächlich hilft und was eher Nepp ist?

Dr. med. Wesemann: Im Grunde hilft bei einem Dekubitus nur konsequente Druckentlastung der betroffenen Stelle. Zudem sollte die Wunde so gepflegt werden, dass sie trocken ist. Das heißt, es sollte ein regelmäßiger Verbandswechsel erfolgen. Alles andere, also Wunderpflaster, Klebepolster und dergleichen, ist nicht wirklich effektiv. Bzw. man muss einschränken: Für erstgradige und damit eher leichte Druckgeschwüre gibt es verschiedene Wundauflagen, die vom Arzt verschrieben werden und die auch durchaus helfen. Aber spätestens ab dem dritten Dekubitus-Grad hilft auch das nicht mehr.

rheinruhrmed: Sie sprachen eben die konsequente Druckentlastung der betroffenen Stelle an. Was bedeutet das in der Praxis?

Dr. med. Wesemann: Bettlägerige Patienten, die sich nicht selbstständig in eine andere Position bewegen können, müssen in der Regel alle zwei bis vier Stunden anders „gelagert“ werden. Das Gleiche gilt natürlich auch für Patienten, die z.B. im Rollstuhl sitzen und sich nicht aus eigener Kraft abstützen können, um ihre Sitzposition zu ändern. Das setzt aber natürlich voraus, dass z.B. ein Pflege- oder Altenheim genügend Personal hat, um diese Patienten alle zwei bis vier Stunden zu bewegen. Aber so vermeidet man relativ wirksam das Entstehen von Druckstellen. Wenn ein Haus mangels Personal das nicht leisten kann, muss man zu anderen Mitteln greifen …

rheinruhrmed: … die da wären?

Dr. med. Wesemann: Die Vermeidung von Dekubitus beginnt beim Allgemeinzustand des Patienten. Wichtig ist z.B. ein guter Ernährungszustand. Aber auch eine saubere, trockene Haut ist notwendig. Doch spätestens das ist bei vielen Patienten, die bettlägerig sind und auf Vorlagen oder „Windeln“ angewiesen sind, oft nicht gegeben. Die Patienten dürfen nämlich nicht im Nassen liegen, ansonsten dauert es nicht lange, bis ein Geschwür unter Druck an der aufgeweichten Hautstelle entsteht. Hinzu kommt, dass viele Pflegeheimbewohner eher unterernährt sind. Die meisten nehmen nicht mal 1500 kcal pro Tag zu sich und trinken kaum noch. Und als wäre das nicht schon gefährlich, entziehen viele Medikamente, die alte Menschen nehmen müssen, dem Körper Wasser. Oder denken Sie nur an Diabetes, das ja auch immer mehr ältere Menschen haben: Diabetiker haben durch ihre Krankheit ein herabgesetztes Nervenempfinden, wodurch sie teilweise gar nicht spüren, wenn sie sich wund liegen.

rheinruhrmed: Worauf sollten Angehörige denn speziell achten?

Dr. med. Wesemann: Sie können wenigstens mal an der Unterlage ziehen, auf der der Bewohner liegt, so dass der Po anders gelagert wird. Oder einfach mal ein kleines Kissen hinter die Schultern legen, damit der Bewohner anders sitzt. Auch sollte man aufpassen, dass kein Kugelschreiber, keine Münze vom Kaffeeautoamten oder dergleichen versehentlich im Bett bleibt. Das gibt nämlich u.U. Druckstellen, die zu Geschwüren führen können.

rheinruhrmed: Woran erkenne ich denn als Angehöriger, ob das Heim X damit ein verstärktes Problem hat? Gibt es da bundesweite Fall-Listen?

Dr. med. Wesemann: Nein, die gibt es leider nicht. Aber – so banal das jetzt auch klingen mag – es ist immer ratsam, mit offenen Augen durch ein Heim zu gehen: Wie sieht es da aus, welchen Eindruck machen die Bewohner, wie riecht es da usw. Wenn man einen Angehörigen bereits in einem Heim hat, sollte man auch mal mit ihm über das Thema Druckgeschwüre reden. Natürlich ist so etwas immer auch mit Scham verbunden. Schließlich schaut man seiner eigenen Mutter oder seinem Vater nicht mal eben auf den Po, auf den nackten Oberkörper oder dergleichen. Umgekehrt ist es natürlich oft auch so, dass die Betroffenen aus Scham nicht gleich zu ihrem Sohn oder zu ihrer Enkelin gehen und sagen „Mensch, ich habe da so ein Loch in der Haut.“ Zumal so etwas ja auch meist im Intimbereich angesiedelt ist. Aber das darf im Ernstfall kein Hindernis sein. Wenn die Angehörigen bettlägerig sind, ist es nicht verkehrt, mal unter die Bettdecke zu schauen, ob zum Beispiel die Hacken oder auch die Schulterblätter in Ordnung sind, also alles Bereiche, die den unmittelbaren Druckkontakt zur Unterlage haben. Wenn einem dann etwas verdächtig vorkommt, sollte man ruhig auch mal das offene Gespräch mit dem Pflegepersonal suchen und fragen, ob z.B. schon ein Arzt eingeschaltet wurde. Oder ob es sinnvoll ist, eine Weichlagerungsmatratze anzuschaffen.

rheinruhrmed: Wie sinnvoll sind denn solche Matratzen?

Dr. med. Wesemann: Eine Luftkammer-Matratze kann sowohl in der Prävention als auch in der Behandlung von Dekubitus-Patienten angewandt werden. In der so genannten Wechseldruck-Matratze ist es möglich, einzelne Kammern mit unterschiedlich viel Luft zu füllen, ähnlich wie bei manch einer Luftmatratze, die man aus dem Urlaub kennt. Dadurch, dass sich diese Luft in den Kammern ständig automatisch ändert, wird auch der Körper immer ein wenig anders gelagert, so dass es zu ausgeglichenen Druckzonen kommt.

rheinruhrmed: Und das hilft schon?

Dr. med. Wesemann: Das hilft schon. Nun muss man zwar sagen, dass diese Matratzen jetzt nicht die ultimative Erfindung sind, denn sie haben auch einige Nachteile. Aber dadurch lässt sich sowohl die Entstehung als auch die Verschlechterung von Dekubitus durchaus wirksam angehen.

rheinruhrmed: Sie sprachen die Nachteile an. Welche sind das?

Dr. med. Wesemann: Solche Matratzen setzen z.B. die Eigenmobilität des Patienten herab. Das heißt, die Patienten können nicht von allein aufstehen. Je nachdem, wie lange der Patient darauf dann insgesamt liegt, baut auch die Muskulatur ab, die dazu nötig ist, um sich z.B. selbstständig aufzurichten. Im Endeffekt ist das ein bisschen so, als würde man im Weltraum schweben. Man verliert an Stabilität und Körperempfinden. Das heißt also, dass es nicht damit getan ist, einen Patienten einfach nur auf so eine Matratze zu legen. Ein weiteres Problem ist, dass diese Matratzen das Bett insgesamt erhöhen, so dass die Sturzgefahr zunimmt.

rheinruhrmed: Eine solche Matratze ist also per se nicht für jeden Fall zu empfehlen?

Dr. med. Wesemann: Das muss man immer individuell entscheiden. Grundsätzlich kann man jedoch sagen, dass ein Dekubitus ab 3. Grad, also bei dem der Patient Schädigungen und bereits abgestorbenes Gewebe in den tieferliegenden Haut- und Gewebeschichten hat, eher durch eine kleine Operation zum Ausheilen gebracht werden sollte. Wir sehen es aber in der Praxis häufig, dass die Betroffenen oft zu lange Warten. So kann es passieren, dass ein Geschwür vom 2. zum 3. Grad innerhalb von wenigen Stunden bis Tagen lebensbedrohlich werden kann. Grund sind Bakterien, die sich in der Wunde vermehren, in den Körper einschwämmen und zu einer Sepsis (Blutvergiftung) führen können.

rheinruhrmed: Wie lange dauert dann die Abheilung?

Dr. med. Wesemann: Das ist ein sehr langwieriger Prozess. Nehmen wir einen erstgradigen Dekubitus: Er kann immerhin schon nach zwei Stunden entstehen, zum Beispiel bei einem Hochrisiko-Patienten, der also älter ist, sich nicht mehr richtig bewegen kann, mangelernährt ist und vielleicht noch einen Diabetes hat und der z.B. seit zwei Stunden auf einem Katheterschlauch liegt. Wenn man die Stelle konsequent druckentlastet, dann kann sich das innerhalb von ein bis zwei Tagen wieder zurückbilden. Je tiefer die Schädigung aber ist, kann das bis zu 6 bis 8 Wochen dauern.

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