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"Typ 2 Diabetes ist keine Lifestyle-Krankheit, sondern erblich bedingt." *

Holtmeier

Prof. Dr. med. Wolfgang Holtmeier

Chefarzt für Gastroenterologie, Diabetologie und Innere Medizin am Krankenhaus Porz am Rhein in Köln; Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie, Diabetologie & Endokrinologie

Diabetes Typ 2, auch „Altersdiabetes“ genannt, ist eine Volkskrankheit. Rund 6 Millionen Menschen in Deutschland leiden an der Blutzucker-Krankheit - viele davon, ohne es zu ahnen. Prof. Dr. Wolfgang Holtmeier, Chefarzt der Diabetologie, und das Diabetes-Team des Krankenhauses Porz am Rhein in Köln räumen mit den gängigsten Vorurteilen rund um diese tückische Erkrankung auf und geben Tipps im Umgang mit ihr.

Stimmt es, dass derjenige, der viel Zucker isst, ein höheres Risiko für Diabetes hat?

Diabetes ist keine Lifestyle-Erkrankung, sondern im wesentlichem Maße erblich bedingt. Hinzu kommt dann natürlich noch

Wer allerdings eine erbliche Vorbelastung in der Familie hat, weil z.B. Vater, Mutter oder Großeltern an Diabetes erkrankt sind, hat ein erhöhtes Risiko. Doch nicht der Zucker ist das Problem, sondern die Kalorien, die zum Übergewicht führen können. Zucker in Maßen ist für Personen ohne Übergewicht völlig unbedenklich.

Kann Übergewicht Diabetes auslösen?

Übergewicht allein ist noch kein sicheres Kriterium, an Diabetes zu erkranken. Wenn der Mensch nicht die genetische Vorbelastung für Diabetes hat, kann er so dick sein, wie er will. Er wird keinen Diabetes bekommen. Erst, wenn er genetisch vorbelastet ist, spielt das Gewicht eine Rolle: Die Gene lösen dann Diabetes Typ 2 aus, wenn ein gewisses Körpergewicht überschritten ist.

Leiden Patienten mit Diabetes Typ 2 unter einem Insulinmangel?

Im Gegensatz zu Patienten mit Diabetes Typ 1 liegt beim Typ 2 (oder auch: Altersdiabetes) kein Insulinmangel, sondern sogar ein Überschuss an Insulin vor. Der Typ 2 Diabetes ist eine „Resistenzerkrankung“. Das heißt, das körpereigene Insulin wirkt nicht mehr ausreichend auf die Zelle, so dass der Körper noch mehr Insulin produzieren muss. Im Laufe der Jahre und mit zunehmendem Übergewicht erschöpft die Bauchspeicheldrüse und kann den hohen Bedarf an Insulin nicht mehr decken. Am Anfang der Erkrankung lässt sich die Erkrankung durch Tabletten (Metformin) in aller Regel gut in den Griff bekommen. Die Therapie bewirkt, dass die Zellen empfindlicher für Insulin werden und hierdurch das körpereigene Insulin ausreicht.

Was ist an hohem Blutzucker so gefährlich?

Ein extrem hoher Blutzucker kann zum Koma und auch zum Tod führen. Dieses ist beim Typ 2 Diabetes aber extrem selten. Vielmehr kommt es über die Jahre zu Schäden an den Gefäßen. Die Folgen können

Macht die Zuckermessung zur Früherkennung von Diabetes vor oder nach dem Essen Sinn?

Die Blutzucker-Messung nach dem Essen bringt nichts, da ein hoher Blutzucker hier nichts aussagt. Für die Früherkennung kann morgens ein Nüchternblutzucker einen Hinweis geben. Bei Verdacht auf Diabetes sollte ein oraler Glucosetoleranztest durchgeführt werden. Hierbei werden 75g Glucose getrunken und nach ein bzw. zwei Stunden der Blutzucker gemessen.

Kann man von Insulin abhängig werden?

Nein, obwohl in der Tat der Glaube vorherrscht, dass nach nur einer einzigen Dosis bereits eine lebenslange Abhängigkeit besteht. Insulin muss auch nur solange gespritzt werden, wie die Blutzuckerwerte erhöht sind. Kommt es durch Diät und Bewegung zu einer Gewichtsabnahme, so könnte eine Therapie mit Tabletten ausreichen und das Insulin abgesetzt werden.

Stimmt es, dass derjenige, der Insulin nimmt, eine strenge Diät halten muss?

Nein, bei der intensivierten Insulintherapie wird vor dem Essen die Menge an Insulin gespritzt, die für die Mahlzeit benötigt wird. Der Patient kann also soviel Essen, wie er möchte. Allerdings sollte er sich, wie alle anderen auch, an die Grundregeln einer gesunden Ernährung halten.

Macht Insulin dick?

Insulin ist ein Wachstumsstoff. Je mehr Insulin produziert wird, desto stärker steigt das Übergewicht an. Und je mehr Übergewicht vorhanden ist, desto mehr Insulin ist nötig. Deshalb ist Gewichtsabnahme durch Bewegung und Diät sinnvoll, um diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen. Hier sollte man aber nicht - wie bei einer Diät sonst üblich - in Tagen oder Wochen, sondern eher langfristig in Jahren denken. Wenn der Diabetes-Patient pro Jahr fünf Kilo abnimmt und dies auch hält, ist das schon sehr gut. Hungern führt regelmäßig zum berühmten Jo-Jo Effekt. Es stimmt jedoch, dass es nach der Einleitung einer Diabetes-Therapie mit Insulin häufig zu einer Gewichtszunahme kommt. Deshalb sollte Insulin auch immer mit Tabletten (Metformin) kombiniert werden, um Insulin zu sparen.

Sorgt Diabetes dafür, dass es zu einem Verschluss kleinster Blutgefäße am Fuß kommt und deshalb oft Amputationen die Folge sind?

Es kommt in der Tat deutschlandweit pro Jahr zu 20.000 Amputationen, viele davon Amputationen des Unter- oder Oberschenkels. Meist beginnen die Leiden mit Wundheilungsstörungen an den Füßen. Die Amputationen bei Diabetes sind aber in der Regel die Folge der diabetischen Neuropathie, also einer Erkrankung des Nervensystems. Und doch sind Amputationen bei Menschen mit Diabetes häufig unnötig. Deshalb sollten Diabetes-Patienten auch mit kleinen Verletzungen an den Füßen früher zum Diabetologen gehen, um rechtzeitig eine adäquate Therapie zu erhalten.

Welche Auswirkungen hat es, wenn feine Nerven durch den Diabetes angegriffen werden?

Diese kleinen Nerven finden sich im sogenannten autonomen oder vegetativen Nervensystem. Dieses System steuert alle Funktionen im Körper, die völlig selbstständig arbeiten: Herzschlag, Verdauung, Harnblasenfunktion etc. Auch die Schweißbildung wird darüber geregelt. Hört ein Fuß auf zu schwitzen, ist dies bereits ein erstes Warnzeichen für Diabetes. Wer sich nun am Fuß verletzt, wird aufgrund der angegriffenen Nerven dies kaum oder gar nicht mehr spüren. Deshalb: regelmäßig die Füße untersuchen lassen.

Macht Diabetes auf Dauer Männer impotent?

Diabetes greift, wie schon gesagt, zunächst die kleinen, feinen Nervenstrukturen des Körpers an - und damit leider auch jene Nerven des Genitaltrakts. Das bedeutet konkret: Die Errektionsfähigkeit beim Mann lässt mit der Zeit nach. Und in der Tat: Irgendwann ist dann eine Erektion gar nicht mehr möglich. Deshalb kann auch bereits eine Erektionsstörung ein wichtiger Hinweis auf Diabetes sein. Mit den zugelassenen Phosphodiesterase-Hemmern wie Viagra, Claims oder Levitra lässt sich dieser Zustand aber relativ gut behandeln.

Inwiefern verursacht Diabetes Sexualstörungen bei der Frau?

Durch den Verlust der Nervenfunktion an Blase und Harnleiter spüren die Frauen meist keinen Harndrang mehr. Auch nehmen sie eine Blasenentzündung viel zu spät war. Beides kann das Sexualleben der Frau stark beeinträchtigen.

(Quelle: Krankenhaus Porz am Rhein)

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