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Frauenherzen ticken anders - das weibliche Geschlecht als Risikofaktor bei Herzerkrankungen *

Horlitz

Prof. Dr. med. Marc Horlitz

Chefarzt der Kardiologischen Klinik am Krankenhaus Porz am Rhein; Mit-Initiator des Kooperativen Kölner Herzzentrums beidseits des Rheins

rheinruhrmed: Prof. Horlitz, stimmt es, dass Frauen einen Herzinfarkt anders wahrnehmen als Männer?

Prof. Horlitz: Ja, bei den Männern sind die Symptome einfach, sie haben die typischen Beschwerden: Brustschmerzen, Ausstrahlung des Schmerzes in den Arm, schwere Atemnot, kalter Schweiß auf der Stirn. Das Problem beim Mann ist nur: Er spricht nicht so gern darüber. Das heißt, er hat Beschwerden, er joggt beispielsweise und hat einen Druck auf dem Brustkorb. Aber er geht nicht zu seiner Frau und erzählt es ihr. Er versucht das erst mal auszuhalten. Bei der Frau ist es anders. Sie spricht gern und würde auch sicher gern darüber sprechen, aber sie kann es nicht, weil ihre Beschwerden in vielen Fällen sehr untypisch sind.



rheinruhrmed: Welche Beschwerden sind das?

Prof. Horlitz: Im akuten Fall hat sie zum Beispiel Oberbauchbeschwerden, Übelkeit, Erbrechen, eine leichte Kurzatmigkeit, Müdigkeit und damit also alles Symptome, die man nicht direkt mit einem Herzinfarkt in Verbindung bringt. Die für einen Herzinfarkt so typischen Brustschmerzen sehen wir leider nur in einem Drittel der Fälle. Deswegen ist es so wichtig, dass die Frau weiß, dass sie andere Beschwerden hat. Schließlich muss bei einem Herzinfarkt sofort gehandelt werden.

rheinruhrmed: Warum muss bei einem Herzinfarkt so schnell gehandelt werden?

Prof. Horlitz: Weil es gilt, möglichst viel Herzmuskel zu retten. Lassen Sie mich dazu erklären, wie das Herz arbeitet: Der Herzmuskel ist der entscheidende Teil des Herzens. Er hat die Aufgabe, durch ein Zusammenziehen sauerstoffreiches Blut in den Körper zu pumpen. Anschließend erschlafft dieser Muskel wieder, so dass sauerstoffarmes Blut ausgesaugt und in die Lungen transportiert werden kann, wo es wieder mit Sauerstoff angereichert wird. Das Herz macht dies ein Leben lang, eine beachtliche Leistung also. Deshalb braucht das Herz auch unheimlich viel "Nahrung": Sauerstoff. Diese Nahrung erhält das Herz über die Herzkranzgefäße.

rheinruhrmed: Die Herzkranzgefäße sind ja also die Versorgungsadern, damit der Muskel richtig arbeiten kann.

Prof. Horlitz: Genau. Nun kann aber solch ein Gefäß auch mal verstopfen, ähnlich wie bei einem Automotor: Wenn da die Benzinleitung verstopft, arbeitet der Motor nicht. Beim Herzen stirbt der Teil des Muskels, der hinter dieser Verstopfung liegt und kein Sauerstoff mehr erhält, ab. Ist dieses Areal recht klein, spürt der Patient mitunter nichts. Es entwickelt sich jedoch eine Narbe am Herzmuskel, die nicht mehr an der Funktion des Herzens teilnehmen kann. Die Folge ist eine Herzschwäche. Noch Jahrzehnte danach kann aus diesem Bereiche eine Herzrhythmusstörung entstehen, die zu Kammerflimmern oder gar zum Tod führen kann. Alles also fatale Folgen, wenn ein Herzinfarkt nicht richtig behandelt wird.



rheinruhrmed: Wie kann es zu einer solchen Verstopfung der Herzkranzgefäße kommen?

Prof. Horlitz
: Der Mensch hat in den Herzkranzgefäßen eine Innenhaut. Unter dieser können sich Plaques bilden. Das Ansammlungen z.B. von Fetten, Bindegewebe, Entzündungszellen o.ä. Die kann man anfangs nur sehr schlecht sehen, auf jeden Fall nicht im Ultraschall, auch im MRT ist es schwierig. Aber diese Plaques können größer werden. Wenn dann Stress, hoher Blutdruck o.ä. hinkommt, kann die Innenhaut reißen. Das Innere, also der Plaque, fließt in das Herzkranzgefäß. Das körpereigene Gerinnungssystem versucht natürlich, diese aufgerissene Stelle abzudichten, was dazu führt, dass nicht nur die Plaque, sondern das komplette Herzkranzgefäß abgedichtet wird. Das ist das große Problem. Wir haben pro Jahr 300.000 Herzinfarkte in Deutschland. Mehr als die Hälfte der Betroffenen verstirbt daran. Besonders interessant: Zwei Drittel davon sterben, bevor sie noch einen Arzt gesehen haben. Das heißt, wenn ein Betroffener im akuten Notfall den Weg zum Arzt schafft, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit überleben.

rheinruhrmed: Was ist dann zu tun, wenn das Krankenhaus erreicht ist?

Prof. Horlitz: Die einzig richtige Therapie bei einem akuten Herzinfarkt ist die Kathetertherapie, bei der das verschlossene Gefäß wieder aufgedehnt wird. Wir haben im Krankenhaus Porz am Rhein drei neue und hochmoderne Katheterlabore, wovon zwei bereits in Betrieb sind. Als Mitglied im Kölner Infarktmodell haben wir natürlich auch eine 365-Tage-Bereitschaft pro Jahr, 24 Stunden pro Tag. Wann immer also jemand einen Herzinfarkt erleidet, ist bei uns immer ein Team da, das diesen Patienten behandeln kann.

rheinruhrmed: Mal abgesehen vom regelmäßigen Check up beim Hausarzt oder Kardiologen: Was können Männer und Frauen selber tun, um nicht Patient zu werden?

Prof. Horlitz: Schlank bleiben oder schlank werden. Wenn Sie das tun, ist schon mal viel erreicht. Der Zucker geht runter, der Blutdruck auch. Und alles, ohne dass sie eine Pille nehmen müssen. Die Empfehlung lautet also: zwei- bis dreimal pro Woche Sport, mindestens 30 Minuten. Ernähren Sie sich zudem ausgewogen, abends die Kohlenhydrate vermeiden. Das hilft, Ihr Gewicht zu reduzieren.



rheinruhrmed: Wie sieht es mit dem Rauchen aus?

Prof. Horlitz: Das sollte natürlich auch aufgegeben werden. Wir sehen aber gerade bei Frauen, dass immer mehr rauchen, während die Zahl der rauchenden Männer doch merklich abnimmt. Die Neu-Raucher sind heute eher weiblich.

rheinruhrmed: Nicht nur beim Herzinfarkt, sondern auch bei Herzrhythmusstörungen werden die Frauen unterschätzt. Stimmt das?

Prof. Horlitz
: ja, wir kennen Rhythmusstörungen, die in 70 bis 80 Prozent der Fälle angeboren bei Frauen auftreten. Es sind dann häufig sehr traurige Geschichten, die ich da von Patientinnen höre, wenn sie jahrelang mit ihren Beschwerden von einem Arzt zum nächsten geschickt werden und niemand die Symptome richtig deutet.

rheinruhrmed: Können Sie so einen Fall nennen?

Prof. Horlitz: Eine junge Frau beschrieb ihr Herzrasen wie einen Lichtschalter, den man urplötzlich einschaltet, obwohl sich die Frau selbst ganz ruhig verhält. Das Rasen ist schnell, regelmäßig und hört dann auch wieder abrupt auf. Immer dann, wenn sie zum Arzt ging, war natürlich kein Herzrasen mehr vorhanden. Der Arzt machte ein EKG, sah einen normalen Sinusrhythmus und sagte zu der Frau: "Ach, bilden Sie sich das doch nicht ein." Aber allein diese Beschreibung ist typisch und weist darauf hin, dass hier anfallartiges Herzrasen im krankhaften Sinne vorliegt, und zwar auf der Basis einer falschen "Zündkerze" am Herzen, man kann auch sagen: einer Muskelfaser, die noch vor der Geburt beim Embryo im Mutterleib falsch programmiert wurde. Dies können wir als Spezialisten anhand des EKG erkennen.



rheinruhrmed: Wie ist hier zu helfen?

Prof. Horlitz: Auch hier können wir heute mit der Kathetertechnik helfen, die Ursache zu erkennen und die falsch programmierte Muskelfaser auszuschalten. Ich habe jeden Monat mindestens eine Patientin, die zu mir kommt und jahrelang zuvor mit Psychopharmaka behandelt wurde, dabei hat sie nur ein angeborenes Herzrasen, was vergleichsweise harmlos und leicht zu behandeln ist. Aber diese Frauen werden eben nicht ernst genommen oder es wird einfach nicht erkannt.

rheinruhrmed: Auch beim Vorhofflimmern, einer speziellen Form der Herzrhythmusstörung, sind Frauen im Nachteil. Warum?

Prof. Horlitz: Es gibt eine Liste mit Risikofaktoren, anhand derer wir bestimmen, ob ein Patient mit Vorhofflimmern ein blutverdünnendes Medikament braucht. Das weibliche Geschlecht an sich ist dabei bereits einer dieser Risiko-Faktoren bei der Entstehung von Schlaganfällen durch Vorhofflimmern. Und wenn jemand zwei oder mehr Risikopunkte auf sich vereint, sollte er ein blutverdünnendes Medikament nehmen. Zu den Risikofaktoren gehört z.B. auch das Alter: Wer über 65 Jahre alt ist, hat einen Risikopunkt, wer über 75 Jahre alte ist, bereits zwei dieser Punkte. Das heißt, eine 75-jährige Frau mit Vorhofflimmern muss gar nichts falsch gemacht haben, kriegt jedoch aufgrund ihres Geschlechts und Alters ein blutverdünnendes Medikament. Bekommt sie es nicht, ist das Risiko hoch, einen Schlaganfall zu bekommen.


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