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Mediziner bestrahlen entzündete Stellen direkt im Blutgefäß *

Hoffmann

Dr. med. Franz E. Brock

Komm. Direktor der Klinik und Poliklinik für Angiologie am Uni-Klinikum Essen; er bietet zusammen mit seinem Stellvertreter, Oberarzt Dr. Jawed Arjumand, ein innovatives Verfahren bei arteriellen Verschlusskrankheiten an.

rheinruhrmed: Dr. Brock, in Ihrer Klinik haben Sie sich darauf spezialisiert, neben der üblichen Behandlung von Stenosen (Engstellen in Blutgefäßen) auch lange und längste Verschlüsse in den Beingefäßen mit Ballonkathetern (winzigen, aufblasbaren Ballons im Blutgefäß) wieder zu öffnen. Gleichwohl ist nach so einem Dilatations-Eingriff zu beobachten, dass das Gefäß innerhalb der ersten sechs Monate nach der Dilatation in 50 bis 70 Prozent der Fälle wieder verschlossen ist. Woran liegt das?

Dr. med. Franz E. Brock: Das hat primär sicherlich mit der Grunderkrankung des Patienten zu tun, die zu diesen Veränderungen führt, z.B. die Arteriosklerose. Es hat aber auch indirekt etwas damit zu tun, dass wir der Arterie im Prinzip „Gewalt“ antun, wenn wir sie mit dem Ballonkatheter weiten. Schließlich öffnen wir ja die Arterie mit einem relativ großen Druck von 12 bis 16 Atü. Das führt zu einer im Blut messbaren „Entzündungsreaktion“ in den Gefäßwänden. Und mit dieser „inflammatorischen“ [entzündlichen; Anm. d. Red.] Reaktion wird vermutlich auch schon die Basis gelegt für das Rezidiv [erneutes Auftreten der Krankheit; Anm. d. Red.]. Zumal der arteriosklerotische Prozess an sich ein entzündlicher und kein degenerativer Prozess ist, wie man es lange Zeit geglaubt hat. Eine Vielzahl der Patienten sehen wir alle halbe Jahre wieder, weil sie erneut dilatiert werden müssen. Die Patienten nehmen das natürlich in Kauf, solange die Extremität und damit die Mobilität erhalten bleiben.



rheinruhrmed
: Beim Versuch, diese Entzündungsreaktion in den Gefäßwänden zu unterdrücken, bieten Sie nun zusammen mit Dr. Arjumand ein neues Verfahren an, die so genannte endovaskuläre Brachytherapie. Was hat es damit auf sich?

Dr. med. Franz E. Brock
: Lassen Sie mich vorab sagen, dass es eine Reihe von Versuchen gab und gibt, ein Rezidiv zu verhindern. Man hat es mit Aspirin® versucht, was durchaus gängig in der Nachbehandlung solcher Eingriffe verwendet wird. Glykokortikoide [Kortison; Anm. d. Red.] hat man probiert; sie hatten jedoch keinen Effekt und sind völlig aus dem Verkehr gezogen. Was die primäre Offenheitsrate deutlich erhöht hat, ist die Einführung von Prostaglandin. Aber auch damit lässt sich die Entzündungsreaktion eben nicht vollständig unterdrücken. Jetzt versucht man es mit Ballons, die Zytostatika beschichtet sind. Doch unser Ansatz ist ein anderer: Wir wissen aus der Strahlenmedizin, dass es Strahlendosen gibt, die Tumore zerstören, und andere, die in der Lage sind, eine Entzündungsreaktion zu unterdrücken.

rheinruhrmed
: Das heißt, Sie bestrahlen die entzündete Stelle am Gefäß?

Dr. med. Franz E. Brock
: Ja, und zwar von innen. Nachdem wir das Gefäß mittels eines kleinen Ballons wieder geweitet haben, führen wir einen zweiten Ballon ein: Wenn dieser Ballon im Gefäß an der eben geweiteten Stelle ist, füllen wir den Ballon mit einer radioaktiven Substanz, und zwar mit Rhenium 188. Dieser zweite Ballon soll sich dabei lediglich an die Gefäßwand anlegen; wir verwenden also nur noch einen geringen Druck von vielleicht 2 bis 3 Atü, um diesen Ballon „aufzublasen“. Der Strahlenphysiker, der bei jedem Eingriff dabei ist, rechnet aus, wie lang die Stenose war und wie lange die radioaktive Substanz an dieser Stelle im Körper bleiben muss. Das kann übrigens bis zu zehn Minuten sein. Dann wird der Ballon wieder entleert, wobei es hierbei darauf ankommt, dass niemand während des Eingriffs direkt mit dem strahlenden Material in Berührung kommt. Die Substanz kommt in einen Container aus Blei, der durch die Nuklearmedizin dann entsprechend entsorgt wird.



rheinruhrmed
: Es ist also nicht so, wie vielleicht jetzt viele denken könnten, dass der Patient von da an radioaktiv verstrahlt ist.

Dr. med. Franz E. Brock
: Nein, zwar gibt es diese Bedenken durchaus bei Patienten. Und diese Angst mag sicherlich auch daher kommen, weil man früher in der Medizin Eingriffe mit Substanzen vorgenommen hat, für die Patienten für eine gewisse Zeit in einem Bunker eingeschlossen werden mussten, weil sie so sehr gestrahlt haben. Aber das waren damals eben auch Alpha- oder Gammastrahler. Wir verwenden jedoch mit Rhenium 188 einen Beta-Strahler mit einer ganz geringen Reichweite. Die Wirksamkeit des Rhenium 188 beschränkt sich auf eine Schicht von 3 bis 4 Millimetern, also eine Schicht, die ungefähr so dick wie die Gefäßwand ist. Benachbarte Organe werden nicht betroffen. Derjenige Mediziner, der den Eingriff vornimmt, trägt einen entsprechenden Bleimantel. Und auch der Patient ist abgeschirmt und kommt mit der Substanz nicht direkt in Kontakt. Es sind also alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen.

rheinruhrmed
: Und was, wenn der Mini-Ballon im Gefäß einmal platzen sollte?

Dr. med. Franz E. Brock
: Dieser Fall ist äußerst unwahrscheinlich, da die Ballons bis zu einem Druck von 15 Atü zugelassen sind, wir aber für den Eingriff mit der radioaktiven Substanz eben nur 2 bis 3 Atü verwenden.

rheinruhrmed
: Es bleibt also keine Strahlung im Körper des Patienten zurück.

Dr. med. Franz E. Brock
: Genau. Der Strahlenphysiker misst nach jedem Eingriff beim Patienten, beim Personal und im Raum, ob eine Kontamination festzustellen ist. Das muss einfach so sein, weil es gesetzlich vorgeschrieben ist.

rheinruhrmed
: Wie viele Fälle haben Sie so bereits behandelt?

Dr. med. Franz E. Brock
: Noch gar nicht so viele, vielleicht fünf bis sechs. Das liegt vor allem daran, dass die eingesetzte Substanz noch sehr, sehr teuer ist. Deshalb wenden wir das auch bislang nur bei Patienten an, die zum zweiten oder dritten Mal ein Rezidiv erleiden; so weit sie denn einer solchen Behandlung auch zustimmen.

rheinruhrmed
: Muss ich als Patient denn etwas zuzahlen, um diese Behandlung zu erhalten?

Dr. med. Franz E. Brock
: Nein, das bezahlen wir momentan noch mit unserem Klinik-Budget.

rheinruhrmed
: Wie verbreitet ist diese Therapie im Land?

Dr. med. Franz E. Brock
: NRW-weit sind wir die erste und in ganz Deutschland, glaube ich, die zweite oder dritte Klinik, die diese Therapie anbieten kann. Entwickelt wurde diese Therapie übrigens am Kernforschungsinstitut in Garchingen bei München. Die Therapie ist von der Ethikkommission eingehend geprüft worden, und auch wir als Standort brauchen eine spezielle Umgangserlaubnis von der Bezirksregierung.

rheinruhrmed
: Ist der Patient während des Eingriffs bei Bewusstsein?

Dr. med. Franz E. Brock
: Ja, und das halte ich auch für ganz wichtig, damit der behandelnde Arzt auch immer erfragen kann, was für ein Gefühl der Patient gerade in seinem Bein verspürt.



rheinruhrmed
: Gibt es Patienten, die sich dafür gar nicht eignen?

Dr. med. Franz E. Brock
: Die gibt es durchaus, nämlich vor allem Patienten, die so übergewichtig sind, dass wir keinen vernünftigen Zugang in der Leiste legen können. Wir punktieren ja oberhalb des Leistenbandes. Und wenn da zu viel Fettgewebe ist, kommen wir schlicht nicht sicher an das Gefäß. Grundsätzlich aber muss man sagen, dass Angiologie eine sehr individuelle Sache ist: Solange der Arzt nicht im Gefäß ist, kann er oftmals nicht wirklich sicher sagen, was ihn dort erwartet. So kann es sich durchaus während einer Intervention herausstellen, dass ein Gefäß derart verkalkt ist, dass es keine Chance gibt, das Gefäß nur mit einem Ballonkatheter zu weiten. So ein Patient sollte dann zum Gefäßchirurgen.

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