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"Wir nutzen die Ersatz-Arterie am Herzen, um zur Rückseite des Gefäßverschlusses vorzudringen" *

Hoffmann

Dr. med. Rainer Jacksch

Chefarzt der Klinik für Kardiologie am St. Vincenz Krankenhaus in Essen; Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Intensivmedizin; Hypertensiologe

rheinruhrmed: Dr. Jacksch, wenn ein Mensch einen Herzinfarkt erleidet, dann ist in der Regel ein Herzkranzgefäß derart verstopft, dass der Herzmuskel hinter dieser Verstopfung nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt wird. Nun gibt es aber Patienten, die trotz dieser Verstopfung keinen Herzinfarkt bekommen. Ein medizinisches Wunder?

Dr. med. Jacksch: Das würde ich nicht sagen. Aber es stimmt, es gibt Fälle, in denen sich eine große Herzkranzarterie schrittweise verschließt, ohne dass der Patient einen richtigen Herzinfarkt erleidet. Je nach dem, wie langsam sich die Arterie zusetzt, besitzt der Mensch nämlich die Fähigkeit, am Herzen so genannte Kollaterale, also Ersatzarterien zu bilden …

rheinruhrmed: … eine Art natürlicher Bypass?

Dr. med. Jacksch
: Ja, so ähnlich. Das heißt also, dass, wenn sich nun eine der beiden großen Herzkranzarterien zusetzt, sich von der anderen großen Herzkranzarterie aus Ersatzarterien bilden, die den Teil, der hinter dem Verschluss liegt, mit Blut versorgt. Das bedeutet, der Herzmuskel hat überlebt.

rheinruhrmed
: Sind diese Patienten denn völlig beschwerdefrei?

Dr. med. Jacksch
: Im Ruhezustand kann das durchaus sein. Bei großer Belastung aber können sie durchaus eine Angina pectoris erleiden, also eine schmerzhafte Verengung im Brustkorb spüren. Oder es kann bei diesen Patienten, wenn sie etwa Ski fahren oder auf hohen Bergen unterwegs sind, zu einer

Katheter

Thema Herz

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Mangeldurchblutung des Herzens kommen; wir nennen das in der Kardiologie eine Ischämie. Die Kollateralen reichen nämlich oft nur in ruhigem Zustand aus, um ausreichend Blut zu dem Herzmuskel zu bringen. Im Einzelfall kann eine Ischämie bei Belastung sehr gefährlich werden, weil Herzrhythmusstörungen und manchmal sogar auch ein Kammerflimmern die Folge sein können. Wir nennen so etwas in der Kardiologie plötzlicher Herztod: Der Patient fällt auf der Ski-Piste um, hat Herzflimmern und verstirbt, wenn der Rettungsarzt nicht sofort eintrifft und Gegenmaßnahmen einleitet.

rheinruhrmed
: Um einen Verschluss am Herzkranzgefäß zu beseitigen, müssen sich betroffene Patienten möglichst rasch einem Katheter-Eingriff unterziehen, bei dem ein Draht über die Leiste oder die Armbeuge bis zum Herzen vorgeschoben wird. Wie geht es dort dann konkret weiter?

Dr. med. Jacksch
: Es gibt verschiedene Techniken, diesen Verschluss von vorne, also antegrad aufzubohren. Hierfür stehen der modernen Medizin unterschiedlichste Drähte und Drahtbohrsysteme zur Verfügung. Jedoch kann es durchaus sein, dass der Verschluss von seiner Beschaffenheit her derart fest ist, dass es Sinn macht, ihn von seiner Rückseite her aufzubohren.

rheinruhrmed
: Ist die Rückseite eines Verschlusses denn weniger fest?

Dr. med. Jacksch
: Das kann durchaus der Fall sein. Schließlich trifft das Blut gemäß seiner Flussrichtung in der Arterie ja zunächst immer auf den Anfang der Engstelle. Hier herrscht also ein hoher Druck und hier setzt sich das Gefäß dann am ehesten und dichtesten zu.

rheinruhrmed
: Und um auf die Rückseite des Verschlusses zu gelangen, nehmen Sie mit dem Bohrsystem dann den „Umweg“ über die Kollateralen?

Dr. med. Jacksch
: Ja, wir nutzen die Ersatzarterien am Herzen, um zur Rückseite der Verschlussstelle vorzudringen. Das ist allerdings ein technisch sehr aufwändiges Verfahren, das insbesondere in Japan und Südkorea entwickelt wurde. Dort ist es bereits eine Routinemethode, während in Deutschland nur ganz wenige Zentren diesen Eingriff vornehmen.

rheinruhrmed
: Warum hat sich diese Methode in Deutschland noch nicht so richtig flächendeckend durchgesetzt?

Dr. med. Jacksch
: Das liegt daran, dass diese Methode sehr arbeits-, personal- und zeitintensiv ist. So ein Eingriff kann schon mal drei bis vier Stunden dauern. Man muss also genau abschätzen, ob dieser Eingriff im individuell vorliegenden Fall auch begründet ist. Besonders anspruchsvoll wird der Eingriff dadurch, dass während der Behandlung beide Herzkranzarterien mittels Kontrastflüssigkeit am Bildschirm dargestellt werden müssen. Das heißt, es werden also zwei Katheter eingeführt. Letztlich liegt die Kunst darin, einen speziell für dieses Verfahren entwickelten Draht über die Kollateralen bis zum Verschluss vorzuschieben, ohne die Arterien zu beschädigen, und dort damit dann vor Ort durch den Verschluss zu kommen.

rheinruhrmed
: Wenn Sie mit dem Draht durch den Verschluss gestoßen sind, wie geht es dann weiter?

Dr. med. Jacksch
: Dann wird die Stelle mit einem Mini-Ballon am Katheter schrittweise gedehnt, wodurch die Arterie wieder geöffnet wird. Am Ende der Behandlung wird dann noch ein Stent eingesetzt. Diese Abschlussprozedur ist also genauso wie in den Fällen, in denen Sie von vorne die Verschlussstelle aufbohren.

rheinruhrmed
: Müssen sich alle Patienten mit einem sehr festen Verschluss der großen Herzkranzarterie diesem Verfahren unterziehen?

Dr. med. Jacksch
: Nein, es gibt durchaus Patienten, gerade sportlich trainierte, bei denen das durchaus fragwürdig ist. Sie haben nämlich derart gut ausgebildete Kollateralen, dass eine ausreichende Blutversorgung selbst unter Belastung gesichert ist. Auch wer sich gesund ernährt, nicht raucht und gute Blutfettwerte aufweist, hat durchaus Chancen, dass sich bei ihm die Kollateralen ebenfalls besonders gut ausbilden. Das hängt aber im Einzelfall von den genetischen Veranlagungen ab.

rheinruhrmed
: Wie lange dauert es denn, bis das Herz Kollateralen bildet?

Dr. med. Jacksch
: Sicherlich reden wir hier von mehreren Wochen. Aber auch das ist wieder genetisch bedingt. Es gibt nämlich zum Beispiel Patienten, die von Natur aus keine ausreichenden Kollateralen bilden können.

rheinruhrmed
: Wie lange bieten Sie diese Methode bereits an?

Dr. med. Jacksch
: Seit gut einem Jahr, und zwar zusammen mit Oberarzt Farasin.

rheinruhrmed
: Gibt es Ausschlusskriterien bei Patienten für diesen Eingriff?

Dr. med. Jacksch
: Sicherlich die Vitalität des Patienten, aber ansonsten gibt es da eher keine. Das Alter zum Beispiel ist ja heutzutage sehr relativ geworden. Wir haben 70-Jährige, die noch sehr vital sind. Was aber sicherlich noch wichtig zu sagen wäre, ist, dass der erste Versuch, die Verschlussstelle zu öffnen, immer antegrad, also von vorne vorgenommen wird. Erst, wenn dieser Versuch unter Ausschöpfung aller technischen Möglichkeiten nicht den gewünschten Erfolg bringt, dann ist ein retrograder Eingriff an der Verschlussstelle, also von hinten, zu empfehlen. Die retrograde Möglichkeit ist also keine Standardmethode, sondern nur eine Zusatzmethode.


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