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Wer mehr als 24 Stunden Ohrgeräusche wahrnimmt, sollte einen HNO-Arzt aufsuchen *

Hoffmann

Dr. med. Michael Lerch

Chefarzt der Geriatrie des Ev. Krankenhauses in
Schwerte.

rheinruhrmed: Dr. Lerch, woran liegt es, dass immer mehr Menschen unter einem Hörschaden leiden?

Dr. med. Lerch: Unsere Gesellschaft wird immer älter und mutet über die Jahre hinweg dem Gehör immer mehr zu, so dass immer mehr Menschen von einer Hörschädigung betroffen sind. Zur Zeit sprechen Experten von ca. 14 Millionen hörgeschädigten Menschen in der Bundesrepublik Deutschland. Grundsätzlich unterteilt man Hörgeschädigte entsprechend ihrem Hörstatus in drei Gruppen: gehörlose, spätertaubte und schwerhörige Menschen. Hier stellen die Schwerhörigen mit ca. 13 Millionen Betroffenen die größte Gruppe dar.

rheinruhrmed: Was genau heißt es eigentlich aus medizinischer Sicht, schwer hören zu können?

Dr. med. Lerch: Ich möchte mich im Folgenden auf die Gruppe der Schwerhörigen beschränken. Schwerhörigkeit bedeutet, je nach Schwere der Hörminderung, Lautsprache nicht nur leiser, sondern zudem auch nur bruchstückhaft und verzerrt wahrnehmen zu können. Auf dieser gestörten Wahrnehmung basieren Miss- und Nichtverstehen im Rahmen der lautsprachlichen Kommunikation als gebräuchlichstes Mittel der zwischenmenschlichen Verständigung. Die daraus resultierende, gestörte Interaktionsfähigkeit verhindert nicht selten die Teilhabe schwerhöriger Menschen am sozialen Leben und beraubt sie der Möglichkeit der selbstbestimmten Entscheidung. Die Ursachen einer Schwerhörigkeit finden sich in Erkrankungen des äußeren Ohres (Ohrmuschel und Gehörgang bis zum Trommelfell), der Mittelohres (Paukenhöhle mit den Gehörknöchelchen) und des Innenohres (Gehörschnecke und Bogengänge). Grundsätzlich unterschieden wird zwischen der Schall-Leitungsschwerhörigkeit (z.B. Ohrschmalzpfropf oder Schädigung der Trommelfell- oder Gehörknöchelchenstrukturen) und der Schall-Empfindungsschwerhörigkeit im Sinne der Schallverarbeitung- oder Innenohrschwerhörigkeit (Schädigung der Haarsinneszellen in der Hörschnecke). In der Regel liegt vor allem bei der Schwerhörigkeit im Alter eine Kombination von Schall-Leitungs- und Schall-Emfindungsschwerhörigkeit vor.

rheinruhrmed: Bei einem Hörschaden denkt man sofort an "laute Musik" oder dergleichen. Was aber können noch Ursachen für einen Hörschaden sein?

Dr. med. Lerch: Es gibt eine Reihe von möglichen Ursachen für eine subjektive oder objektive Minderung der Hörempfindung. Neben einer direkten Schädigung der Haarzellen des Innenohres durch kurzfristigen oder permanenten „Lärm“ kommen auch Durchblutungsstörungen des Innenohres, z.B. durch Blockaden oder Verspannungen der Halswirbelsäule oder auch Blutdruckschwankungen, in Frage. Darüber hinaus können auch eine Elektrolyt-Verschiebungen durch das vermehrte Ausscheiden von Blutsalzen über die Niere als ursächlich für Störungen im Innenohr verantwortlich sein.

rheinruhrmed: Inwiefern erschwert eine Hörschädigung den medizinischen Alltag mit den Patienten?

Dr. med. Lerch: Die lautsprachliche Kommunikation ist der Grundstein einer jeglicher Interaktion, auch im Bereich der Geriatrie, denken Sie nur an Therapien, Aufklärungsgespräche, Visitensituation und das Gespräch mit Angehörigen. Werden hier Einschränkungen nicht wahrgenommen, thematisiert und berücksichtigt, sind die aktive Mitarbeit und die Teilhabe des Patienten an den Therapien und dem sozialen Leben im Stationsalltag nicht oder nur eingeschränkt gegeben. Darüber hinaus führt eine Verhaltensänderung der Patienten, die auf der nicht erkannten oder unberücksichtigen Schwerhörigkeit beruht, oftmals zu einer Fehlbeurteilung ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit und wird - sofern nicht hörbehindertengerecht getestet - fälschlicherweise als dementielle Erkrankung eingestuft.

rheinruhrmed: Warum setzt sich Ihr Haus so sehr für das Thema ein? Und wie sieht Ihr Engagement konkret aus?

Dr. med. Lerch: Die geriatrischen Abteilungen Diakonie Mark-Ruhr mit dem Ev. Krankenhaus in Schwerte und dem Ev. Krankenhaus Bethanien in Iserlohn engagieren sich zusammen mit lokalen Netzwerken für die schwerhörigen älteren Mitbürger und nehmen die Schwerhörigkeit als ein geriatrisches Versorgungsproblem wahr. Im stationären und teilstationären Bereich werden unsere Patienten - sofern der klinische Verdacht einer Hörbeeinträchtigung besteht - im Rahmen des Hörprojektes „Hömma“ einem HNO-Arzt und einer Hörgeräteakustikerin zur Untersuchung vorgestellt. Darüber hinaus ist das gesamte geriatrische Team, also Ärzte, Schwestern, Pfleger, Therapeuten etc., um eine hörbehindertengerechte Kommunikation bemüht. Zudem stehen in den geriatrischen Abteilung sowie in den Patientenzimmern spezielle Hilfsmittel wie z.B. Lichtsignal-Anlage, hörbehindertengerechte Telefone, Medien-Kopfhörer und „Conferette“ [eine Hörhilfe; Anm. d. Red.] sowie „Sound Shuttle“ [eine Art Hörgeräte-Verstärker; Anm. d. Red.] zur Verfügung. Begleitet wird das vom Land NRW im Rahmen der Aktion „gesundes Land - NRW 2008“ als förderungswürdig in die Liste aufgenommene Projekt durch Mechthild Decker-Maruska, eine ausgewiesen Expertin im Bereich Pflege hörgeschädigter Patienten.

rheinruhrmed: Nun ist ja nicht jedes Summen im Ohr gleich ein Hörschaden, sondern manchmal auch nur vorübergehender Natur. Ab wann sollte ich als Betroffener ärztliche Hilfe aufsuchen?

Dr. med. Lerch: Ein Summen im Ohr oder Tinnitus stellt in der Regel keine primäre Beeinträchtigung der lautsprachlichen Kommunikation dar, kann jedoch trotz alledem für den Betroffenen sehr behindernd sein, da die Orientierung auf das Ohrgeräusch die Konzentration auf das Verstehen der lautsprachlichen Inhalte schmälert. Ein großer Prozentsatz dieser Beeinträchtigungen, nämlich mehr als 75 Prozent, lässt innerhalb von 14 Tagen von selbst nach. Da die Therapie, sofern sie zur Anwendung kommt, nur in den ersten Tagen sinnvoll ist und man nicht vorher weiß, ob man zu den mehr als 75 Prozent der Betroffenen zählt, bei denen sich das Problem selbst löst, ist ein Besuch beim HNO-Arzt bei einem Ohrgeräusch, welches nach 24 Stunden nicht rückläufig ist, zu empfehlen.

rheinruhrmed: Wer schlecht hören kann, kriegt sofort ein Hörgerät - denkt vielleicht manch ein Patient sofort und hat Angst davor, mit dem Ding am Ohr seine Schwäche offen nach außen zu tragen. Welche Therapiemöglichkeiten gibt es denn alternativ zum Hörgerät?

Dr. med. Lerch: Sofern eine durch den HNO-Arzt in Verbindung mit dem Hörtest durch den Akustiker festgestellte Schwerhörigkeit vorliegt, gibt es derzeit noch keine Alternative zu einem Hörgerät. Audiotherapie, im Sinne vom Erlernen bestimmter Verhaltenstrategien sowie hörtaktischer Maßnahmen zur Bewältigung schwieriger Kommunikationssituationen, stellt eine für den Schwerhörige sinnvolle Begleittherapie dar. Nach wie vor handelt es sich bei der Schwerhörigkeit um ein von der Gesellschaft wenig beachtetes Problem, wenn nicht sogar ein Tabu, welches das Hörgerät als sichtbares Zeichen des Alterns im Sinne des körperlichen Verfalls stigmatisiert. Ganz im Gegensatz zur Sehminderung mit ihrer zum Teil als modisches Accessoire gewertete Kompensation, der Brille.


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