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"Wir brauchen medizinische Liftstyle-Zentren" *

Klaus Mann

Prof. Dr. med. Stephan Martin

Ärztlicher Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums der Sana Kliniken Düsseldorf

rheinruhrmed: Prof. Dr. Martin, was macht die ROSSO-Praxisstudie so wertvoll für Ihre Arbeit im Bereich der Typ 2 Diabetes?

Prof. Dr. med. Martin: Bei der ROSSO-Praxisstudie wurden Patienten berücksichtigt, bei denen der Diabetes noch keine fünf Jahre bekannt war und die bisher nur mit Diät oder Diabetes-Tabletten behandelt wurden. Zusätzlich sollten diese Personen bisher keine Erfahrungen mit der Blutzucker-Selbstkontrolle haben. Alle Teilnehmer wurden gebeten, vor Beginn der Studie und dann nach drei Monaten ihre Blutwerte vom Hausarzt bestimmen zu lassen. Die Aufgabe der Teilnehmer bestand darin, den Einfluss von bestimmten Lebensstilfaktoren auf die Blutzuckerwerte zu überprüfen. Dazu erhielten die Teilnehmer einen einfachen Schrittzähler, ein Blutzuckermessgerät und insgesamt 100 Teststreifen. Damit sollten sie vor und nach Aufnahme von bestimmten Nahrungsmitteln den Blutzucker messen, aber auch vor und nach Bewegungsaktivität. Zusätzlich mussten die Teilnehmer verschiedene Fragebögen zu Lebensqualität, aber auch zur Depressivität ausfüllen.

rheinruhrmed: Zu welchem Ergebnis ist die ROSSO-Studie gekommen?

Prof. Dr. med. Martin: Zum einen waren wir erfreut, dass über 80 Prozent der Teilnehmer, die die Studien begonnen haben, drei Monate durchhielten und uns sämtliche Werte übermittelten. Wie gehofft, besserten sich nicht nur die Blutzuckerwerte im Tagesprofil, sondern auch der Langzeitblutzuckerwert (HbA1c) signifikant. Aus den Fragebögen konnten wir erkennen, dass sich die Patienten insgesamt mehr bewegt haben und auch bestimmte Nahrungsmittel wie weißes Brot seltener und Vollkornprodukte häufiger konsumiert haben. Was uns aber überrascht hat, war, dass diese Lebensstil-Änderung sich auch auf andere Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie den Cholesterinwert oder den Blutdruck so positiv ausgewirkt hat; auch das Gewicht ist signifikant abgefallen. Die Auswertung der Fragebögen ergab, dass sich die Personen nach Abschluss insgesamt besser als vor der Studie fühlten. Das ließ sich auch an dem Depressivitäts-Score ablesen, der sich signifikant gebessert hatte.

rheinruhrmed: Im Bereich der Herz-Kreislauf-Erkrankung sagt man, dass ungefähr fünf Kilogramm Gewichtsverlust bereits wie ein Betablocker wirken. Welche Rolle spielt das Gewicht im Zusammenhang mit dem Risiko, an Typ 2 Diabetes zu erkranken?

Prof. Dr. med. Martin: Es gibt keine Erkrankung, die so eng mit steigendem Gewicht verbunden ist wie der Typ 2 Diabetes. Daher werden im englischen Sprachraum auch die Begriffe Diabetes und Obesity (Übergewicht) zu „Diabesity“ zusammengefasst. Aus Bevölkerungsstudien wissen wir, dass ab einem BMI von 35 kg/m2 das Diabetesrisiko um den Faktor 35 bis 40 ansteigt. Die gute Botschaft ist aber, dass durch etwas Gewichtsabnahme das erhöhte Risiko sich auch wieder senken lässt. So führte in den großen Diabetespräventionsstudien in Finnland oder den USA eine Gewichtsabnahme von nur vier bis fünf Kilogramm zu einer Halbierung der Diabetes-Häufigkeit. Aber auch beim manifesten Typ 2 Diabetes konnte in großen Interventionsstudien ein positiver Effekt einer Gewichtabnahme auf den Blutzucker nachgewiesen werden. Auch hier werden Effekte erreicht, die über eine Tablettentherapie hinausgehen. Die Ergebnisse der ROSSO-Praxisstudie bestätigen dies, denn auch hier war vermutlich die Gewichtsreduktion von zirka zwei Kilogramm die Grundlage für die vielen positiven Veränderungen.

rheinruhrmed: Diabetes Typ 2 lässt sich zwar nicht ganz heilen, aber inwiefern kann ein Patient den Verlauf seiner Krankheit selber bestimmen?

Prof. Dr. med. Martin: Der Begriff Heilung muss sicher mit Vorsicht verwendet werden, doch bei einer frühzeitigen Diagnose und einer konsequenten Lebensstil-Umstellung kann die Erkrankung zumindest in den Zustand des Prädiabetes zurückgedrängt werden. Ich kenne aber auch Fälle, bei denen nach einigen Jahren auch der Blutzucker-Belastungstest komplett normal ausfällt, die Patienten also wirklich geheilt sind. Aber Vorsicht, nehmen diese Personen wieder Gewicht zu und reduzieren die körperliche Aktivität, so wird der Diabetes wieder auftreten, und zwar so sicher wie das Amen in der Kirche. Wir benötigen also nicht nur beim Thema Umwelt Nachhaltigkeit. Dabei spielt die Eigenverantwortung des Betroffenen die entscheidende Rolle. Er muss das Handeln in die eigenen Hände nehmen, der Arzt kann hier nur als Motivator fungieren.

rheinruhrmed: Wie kann ich mein eigenes Diabetes-Risiko bestimmen?

Prof. Dr. med. Martin: Es gibt ganz einfache Fragebögen, mit denen man ganz grob das künftige Diabetes-Risiko bestimmen kann. Wenn ich aber wissen will, ob ich bereits an einem Diabetes erkrankt bin, so muss ich den Blutzucker bestimmen lassen. Das Problem beim Typ 2 Diabetes ist, dass man in der Regel nichts davon merkt. Ein Nüchtern-Blutzuckerwert reicht aber nicht aus, um einen Diabetes sicher auszuschließen. Deshalb sollte ein Blutzuckerbelastungstest durchgeführt werden. Der Blutzucker wird dann zwei Stunden nach einer Aufnahme von 75 Gramm Traubenzucker bestimmt. Besonders Personen, die übergewichtig sind, erhöhte Blutfette (Serum Triglyceride) oder Bluthochdruck haben, sollten diesen Test durchführen. Auch Personen, bei denen bereits ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall aufgetreten ist, haben in bis zu 20 Prozent der Fälle einen unerkannten Diabetes. Auch Frauen, bei denen während der Schwangerschaft ein Schwangerschaftsdiabetes aufgetreten ist, sind besonders gefährdet.

rheinruhrmed: Kann ich mit Hilfe eines Messgeräts für den Hausgebrauch feststellen, ob ich Zucker habe? Oder was ist hierzu nötig?

Prof. Dr. med. Martin: Die Messgeräte sind für die Therapieüberwachung oder für die Änderung des Lebensweise bei nachgewiesenem Diabetes mellitus sehr hilfreich. Die Diagnose sollte aber nur durch eine Blutabnahme beim Arzt erfolgen, denn die Abweichungen der Geräte für den Hausgebrauch sind zu groß.

rheinruhrmed: Diabetes-Risikopatienten wird nicht selten empfohlen, ihren Lebenswandel zu ändern. Doch das ist oft leichter gesagt als getan. Welche Hilfen gibt es, die einen Risikopatienten dabei unterstützen?

Prof. Dr. med. Martin: Da sprechen Sie einen ganz wichtigen Punkt an: Lebensstil-Änderung ist eine große Herausforderung an das medizinische System. Es reicht nicht aus, dies den Menschen zu sagen, sondern wir müssen Strukturen schaffen, die die Betroffenen dabei unterstützen. Hier befinden wir uns noch am Anfang, besser gesagt, wir haben aktuell nichts anzubieten. Unsere ROSSO-Praxisstudie zeigt aber sehr schön, dass der Mensch von selbst gemachten Erfahrungen lernt: Wenn jemand gesagt bekommt, dass eine Tafel Schokolade schlecht für den Blutzucker ist, dann klingt das logisch, doch wenn man den Blutzucker vor und danach gemessen hat und einen Anstieg von 200 mg/dl sieht, dann ist das etwas anderes. Wir brauchen medizinische Lifestyle-Zentren, die die Hausärzte und Patienten in dieser Maßnahme unterstützen. Es wird aber nicht damit getan sein, dass man diese Zentren einmal besucht - und dann ist alles gut. Hier wird eine dauerhafte Betreuung notwendig sein. Genauso, wie wir nicht durch einen Werbungspot unser Kaufverhalten ändern, sondern nur durch viele Hinweise, so benötigen wir auch eine regelmäßige Motivation einen geänderten Lebensstil beizubehalten.


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