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"Eine Dickdarm-Untersuchung sollte so selbstverständlich wie der Ölwechsel beim Auto sein" *

Klaus Mann

Dr. med. Sebastian Haag

Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie, Oberarzt der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am Universitätsklinikum Essen

rheinruhrmed: Dr. Haag, die Heilungschancen von Darmkrebs liegen, wenn er frühzeitig erkannt wird, bei nahezu 100 Prozent. Dennoch gehen von den 21 Millionen Berechtigten (ab dem etwa 50. Lebensjahr) nur neun Prozent der Männer und zehn Prozent der Frauen zur Vorsorge, also zur Darmspiegelung (Koloskopie). Woran liegt das?

Dr. Haag: Das hat sicherlich mehrere Gründe. Zunächst einmal sind viele von uns leider so erzogen worden, dass man über alles das „da unten“ nicht gern spricht. Es gehört zum Intim-Bereich und ist damit tabu. Zudem halten sich leider Gerüchte oft sehr hartnäckig: Wenn irgendjemand im entferntesten Bekanntenkreis bei einer Darmspiegelung mal angeblich Schmerzen gespürt haben will, dann bleibt so etwas natürlich viel länger im Gedächtnis als die vielen Fälle, die wir hier in der Klinik tagtäglich erleben, in denen die Patienten nach der Koloskopie aufwachen und fragen: „Wann fangen wir denn an?“ Gut, vor zehn Jahren mag das mit den Schmerzen ja vielleicht noch gestimmt haben. Aber inzwischen gibt es

Darm

Thema Darm

Wo gibt es zertifizierte Darmzentren? Wie bedeutet Blut im Stuhl? - Lesen Sie alles über den Darm [hier...]

Medikamente, die wir gut dosieren und sicher steuern können. Die Patienten schlafen während der gesamten Koloskopie und spüren nichts. Es ist also eine der einfachsten Vorsorgen, die zudem noch von den Krankenkassen übernommen wird und die keine Schmerzen verursacht. Zwar sind die Patienten aufgrund der Medikamente am Tag der Untersuchung nicht verkehrsfähig, aber das ist auch alles. Der vielleicht unangenehmste Teil einer Darmspiegelung ist der Tag davor, wenn der Patient seinen Darm mit speziellen Trinklösungen reinigen muss. Aber auch das ist nicht wirklich schlimm und tut nicht weh.

rheinruhrmed: Nicht jeder Bauchschmerz oder Durchfall ist ja gleich Darmkrebs. Wie erkennt der Laie, ab wann er doch mal zur Vorsorge gehen sollte?

Dr. Haag: Das Tückische am Darmkrebs ist, dass es in der Frühphase keine typischen Symptome gibt. Deshalb sollte man ab dem 50. Lebensjahr regelmäßig zur Vorsorge gehen. Treten bereits eher Beschwerden auf, wird eine Darmspiegelung aber selbstverständlich auch dann schon von der Krankenkasse übernommen, für den Betroffenen entstehen keine Kosten. Hierzu zählen

mg

Symptome wie etwa Blut im Stuhl, auffälliger Gewichtsverlust, Nachtschweiß oder unerklärlich langes Fieber. Wenn ich also etwa zum wiederholten Male innerhalb kürzester Zeit ungewollt das Gürtelloch enger schnallen oder nachts schweißgebadet meinen Schlafanzug wechseln muss, dann sollte das unbedingt von einem Arzt weiter untersucht werden.

rheinruhrmed: Woran erkenne ich als Patient, wer ein Spezialist auf dem Gebiet ist?

Dr. Haag: Jeder, der eine Darmspiegelung durchführen darf, ist bereits ein Spezialist, denn für eine Koloskopie benötigt man bestimmtes Fachwissen und Qualifikationen. Die Facharzt-Bezeichnung für Verdauungsmedizin lautet Gastroenterologe. Im Zweifel hilft Ihnen sicherlich Ihr Hausarzt, einen geeigneten Spezialisten zu finden.

rheinruhrmed: Was verursacht Darmkrebs?

Dr. Haag: Man kann nicht sagen, dass es einen einzelnen Auslöser gibt, vielmehr kennen wir eine Reihe von Faktoren, die dabei eine Rolle spielen können. Denken Sie nur an die Erbanlagen, aber auch an Umwelteinflüsse wie etwa ungesunde Ernährung, also zu viel Fett, Alkohol, Rauchen. Nicht zuletzt gibt es einige chronische Darmerkrankungen wie etwa die Colitis ulcerosa (chronische Dickdarmentzündung), die das Risiko, einmal an Darmkrebs zu erkranken, begünstigen.

rheinruhrmed: Es gibt ja auch die Möglichkeit, eine Darmuntersuchung per MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie) oder CT (Computer-Tomographie) zu machen. Wird die Koloskopie überflüssig?

Dr. Haag: Eine MRT oder CT-Untersuchung, die sogenannte Kolonographie kann nur ein Abbild des Darms liefern. Wir schauen also so nicht in den Darm, sondern bloß drauf und können somit die Darmschleimhaut von innen gar nicht beurteilen. Solche Aufnahmen haben mal abgesehen von der Strahlenbelastung den Nachteil, dass Läsionen, die kleiner als einen halben Zentimeter sind, bislang nicht erkannt werden können. Leider können wir dem Patienten auch bei einer Kolonographie den „unangenehmsten“ Teil nicht ersparen, nämlich dass er seinen Darm am Tag vorher säubern muss. Und sollte es dann bei der Kolonographie zu einem Befund kommen, muss dennoch eine Koloskopie, also eine Darmspiegelung, erfolgen. Stellen Sie sich mal in einem solchen Fall vor, dass der Patient dann noch ein paar Tage auf seinen Termin für eine Darmspiegelung warten muss, weil kein Termin frei ist. Das ist doch eine enorme psychische Belastung und muss wirklich nicht sein. Dann doch lieber direkt eine Darmspiegelung, denn dann können wir im Zweifel gleich beides leisten: Diagnose und Behandlung in einer Untersuchung.

rheinruhrmed: Wenn bei einem Befund eine Operation nötig wird, besteht häufig die Angst, einen künstlichen Darmausgang zu bekommen. Ist diese Angst berechtigt?

Dr. Haag: Nein, ein künstlicher Darmausgang ist wirklich nur in selten Fällen erfoderlich, nämlich dann, wenn der gefundene Tumor so ungünstig im Darm liegt, dass der Operateur einen Teil des Enddarms entfernen muss. Aber selbst wenn der Tumor so ungünstig liegt, gilt auch hier: Wenn er rechtzeitig gefunden wird, ist auch ein künstlicher Darmausgang nicht unbedingt nötig.

rheinruhrmed: Sie engagieren sich seit vielen Jahren im Essener Zirkel Darmerkrankungen. Was tut dieser Zirkel?

Dr. Haag: Wir glauben, dass Medizin im 21. Jahrhundert nicht mehr im Elfenbeinturm sitzen darf. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß, weil sich das Verhältnis von Arzt zu Patient in den letzten Jahren entscheidend geändert hat: Heutzutage arbeiten Ärzte mit ihren Patienten zusammen. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung haben wir Betroffene/ Patienten gebeten, uns Schwächen, aber auch Stärken der medizinischen Versorgung chronischer Darmerkrankungen am Beispiel der Stadt Essen mitzuteilen. Dabei kam u.a. heraus, dass es z.B. Optimierungsbedarf bei der Kommunikation mit Ärzten gibt und ein hoher Bedarf an Aufklärung besteht. Unter anderem deswegen sind wir vom Essener Zirkel auch immer wieder auf Patientenmessen und halten Vorträge, um abseits von Klinik oder Praxis mit Patienten ins Gespräch zu kommen. Denn wenn man nur oft genug über das Thema spricht, dann wird die Dickdarm-Untersuchung, so hoffen wir, irgendwann im Alltag der Menschen so selbstverständlich wie der Ölwechsel beim Auto. Viele gehen mit ihrem Auto pfleglicher um als mit ihrem Körper. Beim Auto wird beispielsweise wie selbstverständlich vor dem Winter Frostschutz in den Kühler gekippt. Das ist ja auch nichts anderes als Vorsorge. Der Patient muss sich aber erst noch bewusst werden, wie wichtig Vorsorge auch für ihn selbst ist.

Die Deutsche Krebsgesellschaft NRW hat in einem 52-seitigen Patientenheft alles Wissenswerte zum Thema Darmvorsorge/Darmkrebs zusammengetragen [Download...]


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