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"Verhaltensauffälligkeiten nehmen sehr deutlich zu" *

Klaus Mann

Dr. Bernd van Husen

Ausgebildeter Kinderarzt; Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie; Facharzt für psychosomatische Medizin; leitet seit 1987 die Kinder- und Jugendpsychiatrie am St. Josef Hospital in Bochum

rheinruhrmed: Dr. van Husen, nicht wenige Medienberichte über die Zustände an deutschen Schulen legen den Eindruck nahe, dass es offenbar immer mehr Schüler gibt, die verhaltensauffällig sind. Können Sie diesen Eindruck aus Ihrer Praxis bestätigen?

Dr. van Husen: Ja, die Verhaltensauffälligkeiten nehmen sogar sehr deutlich zu, und zwar in allen Gesellschaftsschichten. Vor allem, weil die Schule inzwischen Normen vorschreibt, die sonst in unserer Gesellschaft immer weiter abnehmen. Diese Normen stehen meist im Widerspruch zu den Erziehungsbedingungen in vielen Familien, in denen die Eltern entweder berufstätig oder geschieden sind. Es ist doch mittlerweile schon eine Herausforderung für viele Schüler, in einer Klassengemeinschaft für einen gewissen Zeitraum still zu sitzen und die Aufmerksamkeit auf eine Lehrperson oder den Unterrichtsstoff zu richten.

rheinruhrmed: Hat sich die Schule also mit ihren Anforderungen vom "normalen" Leben abgekoppelt?

Dr. van Husen: In gewisser Weise schon. Der Versuch, Schule lassez-faire zu sehen, entspricht nun nicht mehr dem Bildungsniveau, das erwartet wird. Denken Sie allein an die Pisa-Studie. Jetzt merkt man, dass es so nicht geht, und steuert gegen. Normen werden eingeführt, die natürlich zunächst einmal auf Widerstand stoßen. Weniger bei den Kindern, die in aller Regel nur ein Spiegelbild der Meinung ihrer Eltern sind. Aber plötzlich spüren Eltern die eigene Unzulänglichkeit in ihren Auswirkungen. Das ist dann auch ein Großteil unserer Arbeit, diese Erziehungsdefizite zu behandeln.

rheinruhrmed: Überlastet die Gesellschaft den Schüler mit zu hohen Erwartungen?

Dr. van Husen: Es sind häufig die Kinder selber, die sich unter Druck setzen, um den Klassenkameraden zu imponieren und dem Lehrer zu gefallen. Die Kinder spüren, dass das gewünscht wird. Die Angst vor Leistungsschwächen im Schulbereich spielt eine ganz große Rolle in ihrem Leben. Daher geht es darum, ihnen bei ihren Defiziten zu helfen und ihr Selbstwertgefühl zu entwickeln. Sie müssen lernen, an sich zu glauben.

rheinruhrmed: Ab wann ist denn aus medizinischer Sicht ein Kind verhaltensauffällig?

Dr. van Husen: Wenn eine länger dauernde chronische Abfolge von Verhaltensweisen auftritt, die in der Schule, zu Hause oder im Freundeskreis auffallen. Wenn also Kinder abgelehnt, gemieden, weggeschickt oder gar verprügelt werden. Dann sollte man genauer hinsehen, damit das kein Selbstläufer wird. Kinder versuchen doch, sich entweder positiv verstärkend in den Vordergrund zu bringen, um Zuwendung zu bekommen. Oder eben negative Erlebnisse zu vermeiden. Gefährlich wird es, wenn Zuwendung auf der negativen Ebene gesucht wird, weil es anders vermeintlich nicht geht. Denken Sie an den Begriff des "Krankheitsgewinns": Eine Krankheit bringt Zuwendung. Nehmen wir den Klassenclown: Er macht Affentheater, springt über Tische und Bänke und kriegt Zuwendung. Sicher, er kriegt auch Prügel und muss in der Ecke stehen, aber es dreht sich eben alles um ihn.

rheinruhrmed: Welche Verhaltensauffälligkeiten haben aus Ihrer Sicht bei Schülern zugenommen?

Dr. van Husen: Zugenommen haben vor allem extreme Unruhe und Aggressivität. Auch Rücksicht auf Schwächere zu nehmen, wird heute verdammt wenig geübt. Zudem gibt es viele Erscheinungsformen aus dem Bereich der psychosomatischen Störungen, also etwa Essstörungen. Das heißt, die Jugendlichen fallen weniger exponiert auf, sondern eigentlich eher durch Krankheiten. Die Zahl der Schüler, die über Kopf- oder Bauschmerzen klagen, nimmt ungeheuer zu. Das kennen wir alle, etwa aus Drucksituationen vor Klassenarbeiten.

rheinruhrmed: Kopfschmerzen? Bauchschmerzen? Das Spektrum an Verhaltensauffälligkeiten scheint recht weit gefasst.

Dr. van Husen: Ja, unter Umständen schon. Zugenommen hat aber zum Beispiel auch die Neigung, sich selbst zu verletzten, in dem man sich in die Unterarme ritzt. Dahinter steckt oft eine innere Not, nämlich der Wunsch, sich selbst zu spüren. Dieses Suchen nach Gefühlen, auch in einem selbst. Zudem steigt die Zahl der Selbstmordversuche. Dabei ist so ein Selbstmordversuch meist nicht das Ergebnis einer aggressiven Kurzschlussreaktionen, sondern steht vielmehr für die Vermeidung, sich den Lebensanforderungen zu stellen und nach Wegen zu suchen, sie zu meistern. Das ist vor allem bei 14- bis 18-Jährigen extrem häufig anzutreffen. Bei Jungen ist übrigens weniger die Aggression gegen sich selbst als vielmehr die Aggression gegen andere zu beobachten. Jungs sind im Gegensatz zu Mädchen expansiver, treten zu anstatt sich selber auf den Fuß zu treten.

rheinruhrmed: Wie behandeln Sie solche Fälle?

Dr. van Husen: Wir machen viel auf der bewegungstherapeutischen Ebene, also Sport und Spiel. Mit Jungen können Sie Basketball und Fußball spielen oder in einen Sandsack boxen. Das baut ab, das trägt zur Beruhigung bei. Bei Mädchen sind es eher gestalterische Ansätze, die wir verfolgen. Da ist die Kreativität schwerpunktmäßig ein Mittel, sich dem Problem zu nähern.

rheinruhrmed: Ich könnte mir nun aber vorstellen, dass sich viele Eltern nur schwer eingestehen, dass das eigene Kind zum Psychologen „auf die Couch“ muss ...

Dr. van Husen: ... oder gar in die „Klapse“. Stimmt. Deshalb ist es entscheidend, diesen Vorurteilen zu begegnen. Ich denke, es kann schon helfen, wenn man die Behandlung als Abkehr einer Entwicklungsproblematik versteht, um eine Krankheit zu vermeiden. Man sollte es als Hilfe wahrnehmen.

rheinruhrmed: Aus Ihren Äußerungen höre ich das Plädoyer, Kindern und Jugendlichen gegenüber mehr Gefühle zu zeigen.

Dr. van Husen: Unbedingt. Ich sage das immer wieder: Nehmt Euer Kind doch einfach mal in den Arm. Oder wenn ihr vorbei geht, einfach mal über den Kopf streicheln. So signalisieren ich, das ich Dich registriert habe.

rheinruhrmed: Aber gerade doch in der Pubertät gibt es die Idole im Fernsehen, zum Beispiel Rapper, die extreme Coolness propagieren.

Dr. van Husen: Ja, das erleben wir häufig als äußeres Aushängeschild. Denken Sie etwa auch an diese Religionsalternativen, die Satanisten, dieses schwarz-weiß-Denken. Das finden wir häufig, wenn wir Jugendliche aufnehmen. Wir sehen dann aber auch schnell, wie ihr Leben an Farbe gewinnt, wenn nämlich auf einmal Alternativen gesehen werden. Das ist auch so ein Ausdruck dieser Hilflosigkeit, sich nicht verstanden zu fühlen. Die Eltern sind oft bemüht, zugewandt und offen, haben aber dennoch irgendwo den Anschluss verpasst, dass hier plötzlich jemand anders geworden ist. Und dieser Jemand weiß selbst nicht, wo er steht.

rheinruhrmed: Man hört auch immer wieder von Eltern, die mit ihrem Kind von einem Arzt zum nächsten geschickt werden, ohne das ihnen geholfen wird.

Dr. van Husen: Das ist richtig. Manche, die zu uns kommen, haben wirklich eine solche Odyssee hinter sich: verschiedene niedergelassene Ärzte, Erziehungsberatungsstellen, schulpsychologische Dienste, Jugendamt usw. Sie haben alles Mögliche durchlaufen und fühlen sich dennoch nicht verstanden und allein gelassen. Hinzu kommt, dass manche Situation, vor allem bei älteren Jugendlichen, oft schon so festgefahren ist, dass eine ambulante Beratung keine Lösung bietet. Die Konfliktsituation bleibt schließlich erhalten. Da ist es oft hilfreicher, die Kinder aus ihrem Umfeld zu nehmen und hierher zu holen. Das entlastet die Familie und die Kinder erholen sich. Ziel aber ist es immer, die Kinder wieder zurück in die Familie zu geben. Allein für eine ambulante Betreuung haben wir derzeit übrigens eine Wartezeit von zweieinhalb Monaten. Wir beantragen seit ewigen Zeiten mehr Betten, um den Bedarfsüberhang auch im stationären Bereich aufzufangen. Aber das ist natürlich eine landespolitische Frage: Ist Geld genug da für solche Einrichtungen?

rheinruhrmed: Woran kann ich als Elternteil erkennen, dass ein Arzt soweit fachlich ausgebildet ist, dass er verhaltensauffällige Kindern behandeln kann?

Dr. van Husen: Das ist natürlich schwer. Da ist man im Wesentlichen auf die Beratung des Haus- oder Kinderarztes angewiesen, der Kollegen weiterempfiehlt. Der große Vorteil im Kinder- und Jugendalter ist jedoch, dass sich die Patienten noch in ihrer Entwicklung befinden. Wenn da die Weichen anders gestellt werden, kann viel Unheil verhindert werden. Deswegen haben wir in unserer Disziplin auch eine relativ hohe Erfolgsquote.


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