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"Der Venen-Stern hat eine ganz wichtige Bedeutung" *

Klaus Mann

Dr. med. Andreas Kruschke

Leitender Oberarzt der Klinik für Allgemeine-, Viszeral- & Gefäßchirurgie am Marien-Hospital Essen

rheinruhrmed: Dr. Kruschke, bevor wir uns über eine „kranke“ Vene, also eine Krampfader, unterhalten, sollten wir vielleicht erst einmal klären, wie denn eine gesunde Vene im Bein funktioniert.

Dr. med. Kruschke: Gern, wir unterscheiden zunächst einmal zwischen tiefen und oberflächlichen Venen. Ca. 90 Prozent des Blutes fließt in den tiefen und nur 10 Prozent in den oberflächlichen Beinvenen. Damit das so bleibt, gibt es in den Venen nach innen gerichtete Klappen, die verhindern, dass das Blut von dem tiefen in das oberflächliche Venensystem fließen kann. „Leiern“ die Venen aus, schließen diese Mündungsklappen nicht mehr richtig, das Blut dringt also in die oberflächlichen Beinvenen und es kommt zu Krampfadern. Erschwerend für die Klappen kommt hinzu, dass im Stand der Blutdruck in den tiefen Venen höher ist als in den oberen Venen. Das heißt, die Belastung der Klappen in den Venen, die das Blut beim Transport gegen die Schwerkraft im Bein halten müssen, ist groß.

rheinruhrmed: Wo wir gerade beim „Bergauf“-Transport des Blutes sind: Was hat es in diesem Zusammenhang mit der so genannten Muskel-Venen-Pumpe auf sich?

Dr. med. Kruschke: Um es klar zu sagen: Die Venen selbst können selbstverständlich kein Blut pumpen, das kann nur unser Herz. Trotzdem muss das Blut ja irgendwie in das Bein und von dort auch wieder – und zwar gegen die Schwerkraft – zurück zum Herzen. Der Mensch braucht also einen weiteren Mechanismus, die Muskel-Venen-Pumpe, die bei jeder Bewegung des Beins durch Muskelanspannung aktiviert wird und das Blut in Richtung Herz transportiert. In der Phase der Muskel-Erschlaffung sinkt der Blutdruck zudem in den tiefen Beinvenen, so dass das Blut aus den oberflächlichen in die tiefen Venen „abgesaugt“ wird.

rheinruhrmed: Welche Erscheinungsformen von Krampfadern sollten operiert werden?

Dr. med. Kruschke: Neben den so genannten großen Stammvenen mit ihren Seitenästen sollten auch die „Perforansvenen“, also die Verbindungsvenen zwischen den tiefen und den oberflächlichen Beinvenen, operativ behandelt werden, wenn innen die Mündungsklappen defekt sind und das Blut in die Oberfläche des Beins gedrückt wird. Durch einen solchen operativen Eingriff verhindern wir unter anderem, dass es zu einem „offenen Beine“ kommt: Wenn ein Patient viele Jahre unter Krampfadern leidet, kann es nämlich dazu kommen, dass die Haut so schlecht ernährt wird, dass Geschwüre entstehen, die nur sehr schwer zu behandeln sind. Hat man diese Geschwüre über eine längere Zeit, droht sogar eine Amputation. Das heißt also: Offene Beine müssen behandelt werden. Das ist ganz wichtig!

rheinruhrmed: Abgesehen vom „offenen Bein“: Welche anderen Risiken lassen sich durch eine Operation noch behandeln?

Dr. med. Kruschke: Erweiterte Venen neigen dazu, eine Thrombose zu bilden. Das heißt, das Blut gerinnt schneller, weil es in diesen Venen eben langsamer fließt. Eine solche Gerinnung gilt es natürlich zu verhindern, denn wenn es zur Thrombose kommt und dieser Blutklumpen durch den Körper fließt, wird irgendwo ein Gefäß verstopft. Das bedeutet, dass der Teil hinter der Verstopfung nicht mehr mit ausreichend Sauerstoff versorgt wird. Und das wiederum kann im schlimmsten Fall zum Herzinfarkt oder Schlaganfall führen. Natürlich lassen sich mit einer Operation aber auch Beschwerden wie das „schwere Beine“-Gefühl, Schwellungen oder Wadenschmerzen behandeln. Nicht zuletzt wird auch immer mehr ein Krampfader-Eingriff aus kosmetischen Gründen verlangt.

rheinruhrmed: Welche Untersuchungen werden vor einer Operation durchgeführt?

Dr. med. Kruschke: Zunächst einmal untersucht der Arzt die Beine im Stehen, um sich ein Bild zu machen, wie ausgeprägt das Leiden ist. Er schaut also, wo etwas geschwollen ist, wo es bereits zu Hautverfärbungen gekommen ist; bei Patienten, die über viele Jahre unter Krampfadern leiden, verfärbt sich die Haut braun bzw. blau oder manchmal auch weißlich, bevor es dann zu einem offenen Bein kommt. Desweiteren wird immer eine Ultraschall-Untersuchung der Venen gemacht. Das hat den Vorteil, dass man so die Klappen gut beurteilen kann, denn wir können so bestimmen, wie schnell und wie viel Blut dort durchfließt und daraus Rückschlüsse auf die Klappe ziehen. Wenn der Patient größere, ausgedehnte Krampfader-Bezirke hat, fordern wir stets auch noch eine Röntgenaufnahme, weil sich damit die Lagebeziehungen der Venen und ihre Verbindungen gut darstellen lässt. Mit einer Röntgenaufnahme lassen sich Beine nun mal insgesamt begutachten, während wir mit dem Ultraschall ja nur punktuell kleine Abschnitte am Bein aufsuchen können. Und dann gibt es noch die so genannte Lichtreflexions-Rheographie …

rheinruhrmed: … eine Untersuchung mittels eines Infrarot-Sensors, der an die untere Wade angelegt wird ...

Dr. med. Kruschke: ... mit der man den venösen Abstrom der Muskel-Venen-Pumpe messen kann. D.h. dieser Sensor schickt ein rotes Licht ins Gewebe – und zugleich ist dieser Sensor auch Empfänger, der misst, wie viel von dem roten Licht zurückkommt. Daraus lässt sich abschätzen, wie gut die Muskel-Venen-Pumpe funktioniert.

rheinruhrmed: Warum ist der so genannte „Venen-Stern“ bei der operativen Therapie von Krampfadern so entscheidend?

Dr. med. Kruschke: Der „Venen-Stern“ hat eine ganz besondere und wichtige Bedeutung. Er liegt dort, wo die große, oberflächliche, auf der Innenseite des Beines verlaufende Vene in das tiefere Venensystem mündet. Dieser Knotenpunkt in der Leiste ist so angelegt, dass von dort viele kleine, sternenförmig angelegten Venen abgehen: in den Unterbauch, in den Schambereich, in den Hüftbereich und in den oberen Oberschenkelbereich außen. Dieser Venen-Stern ist von besonderer Bedeutung, wenn es um die Wahrscheinlichkeit geht, ob Krampfadern nach einem Eingriff erneut auftreten. Beim Eingriff geht der Operateur dabei so vor, dass er grundsätzlich alle Äste des Venen-Sterns unterbindet. Wir wissen nämlich aus vielen Studien, dass, wenn man das nicht tut, ungefähr zwei Drittel der Patienten nach spätestens 10 Jahren wieder Krampfadern haben.

rheinruhrmed: Die Berücksichtigung des Venen-Sterns in der Leistengegend ist also sehr wichtig. Aber wie werden denn nun die großen Venen konkret aus dem Bein entfernt? Wird das Bein dazu einmal der Länge nach aufgeschnitten?

Dr. med. Kruschke: Nein, in der Regel löst man den Eingriff kosmetisch: Wir machen also unten am Bein auf der Innenseite einen kleinen, etwa ein Zentimeter langen Schnitt. Dann legt man die große Vene, die von unten bis oben zur Leiste reicht, frei und führt einen kleinen Katheter ein, also im Grunde nichts anderes als einen dünnen Kunststoffkanal. Den schiebt man dann in der Vene durch das Bein bis zur Leiste vor, unterbindet die ganzen kleinen Seiten-Äste am Venen-Stern und zieht dann diesen Katheter oben an der Leiste wieder raus. Anschließend kommt an das obere, nun freiliegende Ende des Katheters so ein kleines Köpfchen drauf, und dann zieht man (der Fachmann nennt das „stripping“) diesen Katheter samt Köpfchen im Unterhautgewebe wieder zurück. Die Vene wird also damit rausgezogen.

rheinruhrmed: Was passiert denn dann mit jenen Venen, mit denen diese große Vene verbunden war? Sind die dann alle abgerissen?

Dr. med. Kruschke: Ja, die sind tatsächlich abgerissen, aber das ist auch gewollt, denn wenn sie abgerissen wurden, dann haben sie ja sozusagen eine Wunde. Und diese Wunde wird wieder zuheilen. Dazu ist es nötig, dass der Patient mindestens 6 Wochen nach der Operation einen anständigen und gut angepassten Kompressionsstrumpf trägt. Würde er das nicht tun, würde das Bein blau und rot anlaufen und innen bluten.

rheinruhrmed: Jetzt gibt es viele sogenannte schonende Methoden, in denen man z.B. von unten vom Knöchel aus eine Sonde durch die Vene schickt, die man dann zum Beispiel mit Laserlicht, mit Ultraschall oder Mirkowellen beschickt. Was halten Sie von diesen Möglichkeiten?

Dr. med. Kruschke: Na ja, wenn man das mit der großen Vene macht, dann kann das vielleicht mal funktionieren, also dass sich die Vene durch Licht, Kälte oder dergleichen so zuzieht, dass kein Blut mehr durchfließt und die Hauptkrampfader somit verschwindet. Was aber bei diesen Methoden nie verschwindet, ist der so genannte Venen-Schmerz, denn die kleinen Seiten-Äste werden mit dieser Methode nicht wirksam verschlossen. Auf den ersten Blick mag das alles also ein ganz schönes Verfahren sein, das auch vielleicht eine ganze Weile hält. Aber es wird irgendwann unweigerlich zum Wiederauftreten der Erkrankung führen. Deswegen sagen wir Gefäßchirurgen grundsätzlich: Wenn man eine große Stammvenen-Insuffizienz hat, dann sollte das immer mit der Unterbindung des Venen-Sterns einhergehen. Zudem haben die „schonenden“ Methoden noch den Nachteil, dass es nicht zwangläufig bedeutet, dass durch eine einmal „verkochte“ Vene kein Blut mehr fließen kann. Wenn die dann abheilt, kann es sein, dass das Blut wieder seinen Weg findet, also das alte Problem neu auftritt. Ist die Vene bzw. Krampfader allerdings rausgezogen, kann sie nicht mehr nachwachsen. Die Beschwerden sind also weg.


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