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"Morbus Crohn ist keine Autoimmunerkrankung" *

Holtmeier

Prof. Dr. med. Wolfgang Holtmeier

Chefarzt für Gastroenterologie, Diabetologie und Innere Medizin am Krankenhaus Porz am Rhein in Köln; Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie, Diabetologie & Endokrinologie

rheinruhrmed: Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) sind eine große Last für die Betroffenen. Nun ist zu lesen, dass die Zahl der Betroffenen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat.

Prof. Holtmeier: Man vermutet, dass wir alle zu steril aufwachsen. Das behaupten zumindest jene, die der Hygienetheorie folgen. Die Hygienetheorie steht zunächst einmal für andere Allergie- und Autoimmunerkrankungen, die wir ebenfalls verstärkt feststellen. Wenn also das körpereigene Immunsystem nicht frühzeitig geschult wird, dann kommt es später leichter zu Erkrankungen, die durch eine Störung des Immunsystems verursacht sind.

rheinruhrmed: Dieses wiederspricht jedoch der neueren Hypothese, dass der Morbus Crohn doch keine Autoimmunerkrankung sein soll.

Prof. Holtmeier: Zunächst einmal sollte man festhalten, dass die Ursache für CED nach wie vor unbekannt ist. Aber seit einiger Zeit ist man tatsächlich zunehmend der Überzeugung, dass der Morbus Crohn keine Autoimmunerkrankung ist. Das eigene Immunsystem wendet sich also nicht gegen den eigenen Darm. Vielmehr sind Experten inzwischen der Meinung, dass der Morbus Crohn durch eine so genannte Barrierestörung verursacht wird. Das heißt, die Wand (Schleimhaut) des Dick- oder Dünndarms, die eine wichtige Barriere zwischen dem Darminhalt und dem Körper darstellt, ist durchlässig geworden.

rheinruhrmed: Wie kommt es zu dieser Störung?

Prof. Holtmeier: Es gibt vermutlich nicht die eine Störung oder den einen Defekt, sondern man weiß heute, dass es sich offenbar um eine ganze Reihe von Störungen und Defekten handeln muss. Man kennt bereits verschiedenste Genedefekte, die unterschiedliche Barrieredefekte verursachen. Im Endeffekt aber treten dann immer Durchfall und Entzündungen auf. Es macht also für den Betroffenen erst einmal keinen Unterschied, weshalb er die Störung hat.

rheinruhrmed: Welche Rolle spielen Defensine?

Prof. Holtmeier: Es gibt eine Untergruppe von Patienten, die Defensine, also körpereigene Antibiotika der Darmschleimhaut, nicht bilden können. Der Patient hat also da keine Antibiotika im Darm vor Ort. So gelangen die Bakterien ungehindert durch die Darmschleimhaut (Barriere) und reizen dort das Immunsystem. So entsteht die Entzündung.

rheinruhrmed: Aber es gibt doch bei einem CED-Schub durchaus Symptome, die auf eine autoimmune Reaktion schließen lassen?

Prof. Holtmeier: Durchaus, allerdings ist das eher etwas, das zusätzlich, quasi nebenbei auftritt. Also, wenn ein Betroffener einen Schub hat, dann hat er nicht selten Gelenkbeschwerden, Hauterscheinungen, Augenentzündungen etc. Man vermutet, dass aktivierte Immunzellen den Darm über das Blut verlassen und an anderen Organen Beschwerden bzw. eine Entzündung hervorrufen.

rheinruhrmed: Gibt es im Zuge der neuen Erkenntnisse auch eine neue Therapiemöglichkeit?

Prof. Holtmeier: Nein, die gibt es leider nicht. Erstens kennen wir noch nicht alle Gendefekte, die eine Barrierestörung verursachen. Und zweitens haben wir zu allen bekannten Gendefekten noch keine geeignete Behandlung. Das heißt, uns bleibt leider immer noch die Immunsuppression als einzige Therapieoption. Zudem kann in bestimmten Situationen die Gabe von Antibiotika helfen: Wenn ich die Bakterien, die im Darm die Schleimhaut durchdringen, dezimiere, verbessere ich auch die Entzündung. Aber jeder Patient ist anders und reagiert entsprechend auch anders auf eine Therapie. Es gibt leider nicht für alle Patienten den Königsweg. Die Behandlung ist schon sehr komplex. Doch aufgrund der neuen Erkenntnisse ist die Forschung natürlich bemüht, neue Therapien zu entwickeln.

rheinruhrmed: Wäre es nicht auch ein Therapieansatz, die Darmflora mit "guten" Bakterien zu unterstützen?

Prof. Holtmeier: Das klingt natürlich verlockend, dass man lediglich gute Bakterien zu sich nehmen muss, zum Beispiel Probiotika durch einen Joghurt, und dann ist die Krankheit im Griff. Aber Studien haben gezeigt, dass das leider in den meisten Fällen nicht hilft. Es gibt jedoch vielversprechende Ansätze, dass bestimmte Bakterien die Entzündung im Darm verbessern können.

rheinruhrmed: Und was ist mit genetisch veränderten Bakterien? Könnten die helfen?

Prof. Holtmeier: Den Ansatz gibt es, aber bislang nur im Labor bei Mäusen. Da jedoch funktioniert es durchaus, dass die Entzündung durch diese veränderten Bakterien von der Darminnenseite her stabilisiert wird.

rheinruhrmed: CED haben aber nichts mit der (falschen) Ernährung zu tun?

Prof. Holtmeier: Nein, nicht wirklich. Es ist zwar nicht gänzlich auszuschließen, aber bislang hat die Wissenschaft dazu nichts finden können.

(Quelle: Krankenhaus Porz am Rhein)

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