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Sodbrennen: Titankette bei Reflux an Speiseröhre beugt starken Schluckbeschwerden vor *

Kemen

Prof. Dr. med. Matthias Kemen

Chefarzt der chirurgischen Klinik
-Allgemein- und Visceralchirurgie-
Evangelisches Krankenhaus Herne

rheinruhrmed: Nahezu jeder Dritte in Deutschland leidet unter Sodbrennen. Was führt zu diesem brennenden Gefühl in der Speiseröhre?

Prof. Dr. med. Kemen: Der Hauptgrund ist, dass der Schließmuskel zwischen Speiseröhre und Magen nicht mehr richtig dicht hält. Normalerweise muss er nämlich die Speiseröhre vor dem sauren Magen schützen, aber auch gleichzeitig die Speisen auf dem Weg in den Magen passieren lassen. Wenn nun der Schließmuskel in seiner Kraft oder Steuerungsfunktion geschwächt ist, also zum Beispiel zu lange aufsteht oder sich im falschen Moment öffnet, dann kann das zu Sodbrennen bzw. Reflux führen. Physiologisch gesehen hat übrigens jeder ein bisschen Reflux, also Rücklauf der Magensäure in die Speiseröhre. Beim Gesunden wird dieses einmal Hochgeflossene aber von der Speiseröhre sofort wieder nach unten abtransportiert. Die Kontaktzeit ist also sehr kurz.

rheinruhrmed: Inwiefern spielen äußere Einflüsse wie Husten oder Niesen eine Rolle?

Prof. Dr. med. Kemen: Zunächst einmal lässt sich sagen, dass Sodbrennen durch einen Zwerchfellbruch verstärkt werden kann. Dabei ist der Bruch nicht die Ursache, wohl aber ein Multiplikator der Beschwerden. So ein Bruch kann z. B. durch schwere Anstrengungen entstehen. Wenn dann der Betroffene auch noch hustet und damit in seiner Speiseröhre einen Unterdruck erzeugt wird, ist das Sodbrennen unausweichlich. Auch Patienten, die nachts schnarchen, saugen sich die Säure in die Speiseröhre.

rheinruhrmed: Viele Betroffene greifen zu Mittelchen, die in der Apotheke frei verkäuflich sind. Was halten Sie davon?

Prof. Dr. med. Kemen: Das kann man durchaus machen, man sollte nur wissen, dass man damit nicht wirklich die Ursachen bekämpft, sondern eher an den Symptomen kuriert. Da gibt es etwa die sogenannten Antazida, die als Puffer die Magensäure neutralisieren. Im Vergleich dazu gehen die gängigen Protonenpumpenblocker etwas anders vor: Sie unterdrücken die Säurebildung im Magen. Beide Ansätze entschärfen aber nur das Saure, das in die Speiseröhre fließt. Viele Betroffene glauben demnach, dass sie ein bis zwei Wochen lang solche Medikamente nehmen müssen und dann sei alles wieder gut. Das ist mitnichten der Fall. Diese symptomatische Behandlung hilft nur lebenslang.

rheinruhrmed: Wird die Erkrankung mit zunehmendem Alter schlimmer?

Prof. Dr. med. Kemen: Durchaus, wenngleich der größte Teil der Betroffenen bereits durch eine Umstellung der Ernährung, durch das Einhalten bestimmter Lagerungstechniken und eben durch Medikamente bestens eingestellt ist. Da muss man dann auch gar nichts weiter machen. Erst, wenn man von Jahr zu Jahr merkt, dass man mit der verordneten Dosis der Medikamente nicht mehr auskommt, sich der Zustand also merklich verschlechtert, sollte man eine operative Therapie in Betracht ziehen.

rheinruhrmed: Ist die lebenslange Einnahme solcher Medikamente nicht mit vielen Nebenwirkungen verbunden?

Prof. Dr. med. Kemen: Nein, es gibt nur selten Nebenwirkungen. Wenn Sie bedenken, dass die Protonenpumpenblocker das weltweit am meisten verordnete Medikament sind, dann ist das Aufkommen der Nebenwirkungen sogar sehr gering. In der Regel werden diese Medikamente sehr gut vertragen.

rheinruhrmed: Wie viele von diesen knapp 30 Prozent der Betroffenen in Deutschland kommen denn dann überhaupt für einen operativen Eingriff in Frage?

Prof. Dr. med. Kemen: Das sind vielleicht 0,5 Prozent oder sogar noch weniger, also vielleicht 100.000 Menschen. Das ist sicherlich gering. In der Vergangenheit hat man bei diesen Patienten operiert, wenn sie vor allem einen großen Zwerchfellbruch hatten. Dann hat man die sogenannte Fundoplikatio gemacht. Dabei bilden wir mit einem Teil des Magens eine Art Schlaufe, um den Schließmuskel zu verstärken. Das ist auch nach wie vor eine gute Operation, vor allem in wirklich fortgeschrittenen Fällen.

rheinruhrmed: Sie bieten nun als eines von nur fünf Zentren in Deutschland eine neue operative Therapie an. Für welche Patienten ist sie geeignet?

Prof. Dr. med. Kemen: Die Therapie ist für den Patienten, bei dem ein Reflux klar nachgewiesen ist, der aber bislang noch einen eher kleinen Zwerchfellbruch hat. Das Innovative an der neuen Methode ist, dass man eine Unterstützung des Schließmuskels erreichen wollte, die zu einem natürlichen Verschluss führt, die aber zugleich Essen und Erbrechen erlaubt. Je nachdem also, von wo der Druck kommt, sollte der Verschluss nachgeben.

rheinruhrmed: Das klingt recht komplex. Die Lösung, die Sie da in den Händen halten, sieht aus wie eine Perlenkette, nur etwa in Ringgröße. Wie funktioniert diese Kette?

Prof. Dr. med. Kemen: Die Kugeln sind magnetisch, das heißt in der Ausgangslage hängen die Kugeln, die einzeln in Titan gehüllt auf eine Art Schnur aufgezogen sind, zusammen. Der Vorteil ist, dass der Magnetismus ein Leben lang bestehen bleibt. Je nach Anzahl der Kugeln und je nach Speiseröhren-Durchmesser des Patienten lässt sich die Größe der Kette dann während des Eingriffs variieren. Wenn dann Speisen aufgenommen und durch die Röhre nach unten gedrückt werden, presst dieser Druck die Perlen an der flexiblen Kette auseinander, so dass der Übergang zum Magen frei wird.

rheinruhrmed: Letztlich ist das doch aber ein Fremdkörper. Kann es nicht zu Entzündungen im Körper kommen?

Prof. Dr. med. Kemen: Nein, das Titan löst keinen Fremdkörper-Reiz aus. Titan wird ja zum Beispiel auch bei Prothesen eingesetzt, etwa bei Knien oder Hüften. Auch Zahnimplantate sind aus Titan. Deswegen hat man die Magneten der Kette dann auch in Titan gehüllt.

rheinruhrmed: Sind Patienten, denen diese Kette eingesetzt wird, im täglichen Leben, zum Beispiel bei der Kontrolle am Flughafen, eingeschränkt?

Prof. Dr. med. Kemen: Nein, die Kette ist als Masse zu klein, um an Flughäfen die Kontrollen auszulösen. Gleichwohl bekommen die Träger einen Ausweis, um im Fall der Fälle auf das Implantat verweisen zu können.

rheinruhrmed: Also keine Probleme im Alltag?

Prof. Dr. med. Kemen: Naja, sagen wir es mal so: Die Methode ist seit gut vier Jahren im Einsatz. Und bisher sind die Ergebnisse sehr, sehr gut. Das einzige, was mit dem Implantat nicht geht, sind MRT-Aufnahmen. Schließlich würde hier der Magnet des MRT auf den Magnetismus der Kette treffen - mit dem Ergebnis, dass das Band erhitzt werden würde. So ähnlich wie bei einem Induktionsherd. Und das kann so stark werden, dass das umliegende Gewebe geschädigt wird.

rheinruhrmed: Das heißt, dass nur noch Röntgenstrahlen in Frage kommen?

Prof. Dr. med. Kemen: Ja, da geht nach wie vor alles. Per Röntgenbild prüfen wir übrigens auch am Tag nach der OP, ob die Kugelkette richtig am Magen sitzt.

rheinruhrmed: Aber Röntgenbilder sind ja durchaus eine Strahlen-Belastung für einen Patienten.

Prof. Dr. med. Kemen: Das stimmt. Deshalb werden z.B. bei chronischen Rückenleiden ja auch eher MRT-Aufnahmen bevorzugt, um die Patienten nicht den Strahlen auszusetzen. Und da die Kugelkette ja auch durchaus schon recht jungen Patienten eingesetzt wird - mein jüngster Patient war 21 Jahre -, muss man den Einsatz einer solchen Kette diskutieren. Wenn dieser Patient nämlich Jahre später eine Zweiterkrankung hat, bei der viele Kontrolluntersuchung nötig sind, kann dies natürlich ein Problem werden.

rheinruhrmed: Wie lange müssen die Patienten nach dem Eingriff im Krankenhaus bleiben?

Prof. Dr. med. Kemen: In der Regel sind sie nach zwei bis drei Tagen wieder zu Hause. Bemerkenswert ist aber, dass die Patienten unmittelbar nach der Operation ohne ihre altbekannten Beschwerden sind.

 

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